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Skurrile Reiseurteile : „Ungeziefer ist als landestypisch hinzunehmen“

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Wenn es doch immer so schön wäre: Doch oft erwartet Urlauber das Gegenteil Bild: ddp

Urlaub ist nicht gleich Erholung. Oft entsprechen die Gegebenheiten nicht dem zuvor genau studierten Reiseprospekt. Dann geht es mit Beschwerden los. Doch: Nicht jede verdorbene Urlaubsfreude ist auch ein juristisch anerkannter Reisemangel.

          Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen. Heute erzählen Reisende von ihren Erlebnissen nicht mehr nur im Freundeskreis, sondern gerne auch vor Gerichten. Dank Reisevertragsrecht kann man den Reisepreis vermindern oder sich Schäden und entgangene Urlaubsfreuden ersetzen lassen. Jeder Reiseveranstalter muss dafür sorgen, dass die von ihm veranstaltete Reise „die zugesicherten Eigenschaften hat und nicht mit Fehlern behaftet ist, die den Wert oder die Tauglichkeit zu dem gewöhnlichen oder nach dem Vertrag vorausgesetzten Nutzen aufheben oder mindern“. Die Meinungen darüber, wann der Reisenutzen beeinträchtigt ist, gehen weit auseinander. Das zeigen Urteile aus jüngerer Zeit.

          Unzivilisierte Wildnis

          Diese Safari-Reisende hatte sich offenbar andere Vorstellungen von der Wildnis Südafrikas gemacht. Sie störte sich an Insekten im Zelt, nasser Kleidung während der Monsunzeit und den Geräuschen eines Stromgenerators. Aufgeklärt wurde sie vom Landgericht Berlin: „Dass auf einer Safari-Reise, bei der in Zeltunterkünften übernachtet wird, Ungeziefer in die Zelte eindringen kann, ist grundsätzlich als landestypisch hinzunehmen.“ Außerdem werde ein Safari-Reisender „vernünftiger Weise“ von sich aus dafür sorgen, dass ihm bei Monsunregen Wechselkleidung zur Verfügung steht. Schließlich könne auf einer Safari nicht erwartet werden, dass es stets eine öffentliche Stromversorgung gebe, weshalb Geräuschbelästigungen von Generatoren „als reise- und landestypisch hinzunehmen“ seien. (Aktenzeichen 15 S 33/09)

          Hungrige Affen in Kenia

          Unbelehrbar war auch dieser Afrika-Erkunder. Bei seiner Ankunft in Mombasa wurde ihm gesagt, dass die auf dem Hotelgelände und in der näheren Umgebung anzutreffenden wilden Affen nicht zu füttern und Fenster und Türen geschlossen zu halten seien. Vor dem Speisesaal verbot ein Schild, Speisen aus dem Saal mitzunehmen. Am Pool stand das Schild: „Don't feed the monkeys. If you do, you'll see.“ Als der Kläger dennoch mit einer Banane in der Hand aus dem Speisesaal ging, fiel ihn ein Affe an und biss ihn in den Finger. Das Amtsgericht Köln hatte kein Mitleid: Es gehöre „auch zum Kenntnisstand eines Mitteleuropäers, dass bei solchen Schildern damit zu rechnen ist, dass Affen sich auf Suche nach Nahrung nähern und bei Erspähen einer Banane auch versuchen, diese zu erobern“. (Aktenzeichen 138 C 379/10)

          Ramadan für alle

          Eine dreizehntägige Pauschalreise in den Oman sollte es sein. Dem Kläger war zwar bekannt, dass die Reise in den muslimischen Fastenmonat Ramadan fallen würde. Überrascht war er indes, als er feststellte, was in dieser Zeit auch von ihm als Nichtmuslim verlangt wurde. Das Landgericht Dortmund zeigte Verständnis: „Mag die Vorstellung eines durchschnittlichen Mitteleuropäers von der Bedeutung des Fastenmonats Ramadan auch dahin gehen, dass zwischen Sonnenaufgang und -untergang in der Öffentlichkeit nicht gegessen, getrunken und geraucht werden darf, so ist es indes nicht als Allgemeingut anzusehen, dass auch Nichtmuslime und Touristen diesen Restriktionen tagsüber unterworfen sind.“ Weil das Reisebüro darüber nicht explizit aufgeklärt hatte, war der Reisepreis um zehn Prozent zu mindern. (Aktenzeichen 17 S 45/07)

          Doppelt falsche Begrüßung

          Das Animationsteam sollte am vorletzten Abend des Pauschalurlaubs in Ägypten verschiedene Grußarten darstellen und griff für die deutsche ordentlich daneben: Zwei Animateure gingen im Stechschritt aufeinander zu, hoben den linken Arm und riefen „Heil“. Der Kläger, der die Reise gebucht hatte, fand das unerträglich, das Amtsgericht München ebenfalls und entschied: „Gerade dadurch, dass die Deutschen dermaßen negativ parodiert werden, kann bei den deutschen Urlaubern der Eindruck entstehen, als Deutscher nicht willkommen zu sein.“ Der Kläger bekam 20 Prozent Preisminderung für die letzten beiden Urlaubstage. (Aktenzeichen 281 C 28813/09)

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