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Skelettfunde in Kassel : Ein Typhus von bösartigem Typus

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Kasseler Massengrab: Sind hier die Opfer einer Typhus-Epidemie begraben? Bild: ddp

Der Historiker Christian Presche untermauert die These, dass es sich beim Kasseler Massengrab um Opfer einer Typhus-Epidemie aus dem Jahr 1814 handele. Einige Tatsachen sprechen für Presches Vermutungen.

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          Ein Kasseler Historiker, Christian Presche, wartet auf seiner Internetseite mit einer Zuordnung der Knochenfunde auf, die auch den Kasseler Stadtarchivar Frank-Roland Klaube überzeugt. Presche publiziert und untermauert die These, dass es sich um Opfer einer Typhus-Epidemie aus dem Jahr 1814 handele.

          Er zitiert einen Rückblick aus der „Casseler Tages Post“ von 1866: „Im Jahr 1814 brach in unserer Vaterstadt in einem ungewöhnlich hohen Grad in Folge der Durchmärsche von bedeutenden Truppenmassen ein sehr heftiger, bösartiger Typhus aus, welcher viele Einwohner hinwegraffte. Da das ehemalige Militärhospital, die Charité, nicht mehr zur Unterbringung aller Militärkranken ausreichte, so wurde diese Kaserne sofort zu einem Militärlazareth verwendet, und es findet sich kein Gebäude in Kassel, aus welchem so viele Seelen in das Jenseits hinübergegangen sind, als aus diesem Hause; ja man hatte bei der überhand genommenen großen Sterblichkeit, um die Todten nicht die Treppen heruntertragen zu müssen, an der nordöstlichen Seite, dem Hofe zu, eine sogenannte Rutschbahn angebracht, auf welcher die Leichname in die daruntergefahrenen Kastenwagen, ohne die geringste Bekleidung, gleich weiter zur Ruhestätte befördert wurden.“ Die Ruhestätte könnte die heutige Fundstelle sein, die damals als Militär-Zimmerplatz diente. Auf dem historischen Stadtplan ist dies im Wortsinne naheliegend.

          Die Toten wurden nicht achtlos in ein Massengrab geworfen

          Wie ein Blick in die Baugrube zeigt, liegen die Skelette dort eng beieinander, haben die Arme auf dem Bauch gekreuzt oder die Hände gefaltet. Die Toten wurden also nicht achtlos in ein Massengrab geworfen. Die Tatsache, dass weder Kleiderreste, Leder- oder Metallteile bei den Toten zu finden sind, spricht ebenfalls für Presches These. Jene Fundstelle, an der die Gebeine ungeordnet und haufenartig liegen, kann darauf hindeuten, dass es auf dem Bestattungsplatz einmal zu eng wurde, und die sterblichen Reste umgebettet wurden.

          Oder aber es stießen schon einmal Bauleute auf die Gebeine und betteten einige um. In der Tat finden sich über der Fundstelle Mauerreste von Gebäuden, die ihrerseits längst niedergelegt sind. Auf dem Gelände, wo nun die Skelette gefunden wurden, wurde von etwa 1831 an ein Garnisonlazarett errichtet, das später als Kaserne genutzt wurde. Auch andere Nebengebäude wurden errichtet und wieder niedergelegt, bis schließlich die Henschelwerke die Kasernen verdrängten. Über dem Fundort selbst wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Autohaus errichtet, während in den achtziger Jahren die Hochschule auf dem Henschel-Areal entstand.

          Keine Zwangsarbeiter aus dem Zweiten Weltkrieg

          Presche verweist auf die Aussage eines Augenzeugen aus der Mitte der dreißiger Jahre. Der berichtete, dass beim Neubau einer Halle der Henschelwerke Gebeine gefunden worden seien. Das alles spricht dafür, dass es sich bei den Toten nicht um Zwangsarbeiter aus dem Zweiten Weltkrieg handeln dürfte.

          Wenn neben einem Industriebetrieb, der bis zum Kriegsende in unmittelbarer Nachbarschaft des Fundortes mit Tausenden Beschäftigten Lokomotiven fertigte, Dutzende Menschen bestattet worden wären, hätte es mit Sicherheit Augenzeugen gegeben, die davon berichtet hätten. Die Mutmaßung, dass es sich um Opfer aus dem Siebenjährigen Krieg handeln könnte, weisen Presche und der Stadtarchivar ebenfalls zurück, denn die Truppen seien jeweils kampflos eingerückt.

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