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Skagerrak : Eine Seeschlacht ohne Sieger

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„Seefahrt ist not!“

Wie erlebten die Mannschaften der Schiffe die Skagerrak-Schlacht? Am eindringlichsten hätte dies sicher Johann Kinau schildern können, der besser bekannt ist unter dem Schriftstellernamen Gorch Fock. Mit dem Buch „Seefahrt ist not!“ war der 1880 geborene Fischerssohn aus Finkenwerder vor dem Weltkrieg bekannt geworden. Im Herbst 1914 schrieb er einer Freundin: „Deutschland glüht jetzt wie Eisen.“ Ende 1914 teilte er dem Hamburger Bürgermeister Werner von Melle mit, er hoffe, „das größte Hamburg der Zukunft zu erleben, wenn die englische Kette gesprengt ist. Denn ich glaube an den Sieg, sei er auch mit halbzerrissenen Fahnen und mit halblecken Schiffen erkauft!“

Zur Erbauung der Heimatfront verfasste er plattdeutsche Kriegslyrik. Gorch Focks Kriegsbegeisterung wurde gedrosselt durch traumatische Erlebnisse als Infanterist bei der Besetzung Belgrads und als Stabssoldat in der „Blutmühle“ vor Verdun. Erst im April 1916 durfte er zur Marine und fand auf der „Wiesbaden“ in der Skagerrak-Schlacht den Seemannstod. 1933 wurde das Segelschulschiff der Reichsmarine, 1958 das Segelschulschiff der Bundesmarine auf den Namen dieses „Predigers der Furchtlosigkeit“ getauft.

Die meisten Schiffs-Kommandanten waren im Juni 1916 durchaus stolz auf ihre tapferen Mannschaften, die wiederum von der Leistungskraft der Schiffsmaschinen und der Treffsicherheit der Torpedos schwärmten. Skeptisch war der Obermatrose Carl Richard Linke von der „Helgoland“, der am 4. Juni 1916 in Wilhelmshaven, wo sein Schiff im Trockendock untersucht wurde, in seinem Tagebuch über die Gefallenen festhielt: „Bis zur Beerdigung wurden die Toten in einem Exerzierschuppen aufbewahrt. Dort lagen sie der Reihe nach, zum Teil ohne Arme, Beine und Köpfe, mit halben Köpfen, den Bauch aufgerissen, und auch mitten durch gerissen oder vollkommen in Stücke gerissen.“

Viele Angehörige der Gefallenen, die an jenem Sonntag, jeder in einem eigenen Sarg, beerdigt wurden, waren in Wilhelmshaven: „Mancher von ihnen wird umsonst gekommen sein, weil der Betreffende bereits in der See begraben liegt. Jetzt werden die Aktien der Rüstungsindustrie wieder steigen.“

Weg zur Meuterei war vorgezeichnet

Am nächsten Tag kam gegen 16 Uhr der Kaiser vorgefahren und rief den angetretenen Seeleuten zu: „Morgen, Matrosen!“ Es schallte zurück: „Morgen, Euer Majestät!“ Auf Wilhelm II. ließ der Kapitän der „Helgoland“ drei Hurra ausbringen. „Guten Morgen, sagte er, mein Gott, wann mag eigentlich bei diesen Herrschaften der Tag anfangen? Wir hätten eher ,guten Abend‘ sagen mögen“, mokierte sich Linke, der 1917 wegen Meuterei zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.

Das Skagerrak-Erlebnis hinderte die Offiziere nicht, die Matrosen bald genauso schlecht wie zuvor zu behandeln. Der Weg zur Meuterei und Revolution von 1918 war vorgezeichnet. Die Selbstversenkung der seit Ende November 1918 in Scapa Flow internierten Hochseeflotte am 21. Juni 1919 – mehr als ein halbes Jahr nach Ende des Ersten Weltkrieges – sollte die „Ehre“ der alten Marine retten. Statt alles nüchtern zu analysieren, träumten hohe Seeoffiziere einfach davon, es beim nächsten Mal besser zu machen.

„Exoriare aliquis ultor ex ossibus nostris“: Einst wird sich aus unseren Gebeinen ein Rächer erheben. So heißt es symbolträchtig seit dem Skagerrak-Tag 1923 auf den Tafeln, die in der Aula der Marineschule Mürwick bei Flensburg an die gefallenen Seeoffiziere erinnern. Nach Scheer, Hipper und dem Skagerrak wurden Straßen und Plätze benannt. Feiern, Gemälde und Bücher ergänzten die Erinnerung an den „Sieg“. Ein weiterer Weltkrieg bahnte dann der Versöhnung den Weg. Am 50. Jahrestag der Schlacht trafen sich ein britisches und ein deutsches Kriegsschiff im Skagerrak, um zusammen der Opfer zweier sinnloser Kriege zu gedenken.

Gedenkfeiern für Verdun und Skagerrak

An diesem Wochenende finden mehrere Veranstaltungen zur Erinnerung an bedeutende Ereignisse des Ersten Weltkriegs statt. Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident François Hollande werden sich am Sonntag am Beinhaus in Verdun treffen. Ebenfalls am Sonntag beginnen die Gedenkfeiern für die Skagerrak-Schlacht. Deutsche und britische Seeoffiziere werden auf dem Ehrenfriedhof in Wilhelmshaven, auf dem etwa 500 deutsche Gefallene der Schlacht begraben sind, die Opfer der Weltkriege würdigen. Anschließend werden der Inspekteur der deutschen Marine, Vizeadmiral Andreas Krause, und der Fleet Commander der Royal Navy, Vizeadmiral Ben Key, eine neue Ausstellung im Deutschen Marinemuseum in Wilhelmshaven eröffnen. Am 30. Mai werden der britische Zerstörer „HMS Duncan“ und die deutsche Fregatte „Brandenburg“ in den Skagerrak auslaufen, um dort am Tag der Schlacht, dem 31. Mai, gemeinsam Kränze ins Meer zu werfen. Zur selben Zeit nehmen Bundespräsident Joachim Gauck und Vizeadmiral Andreas Krause mit Vertretern des britischen Königshauses und der Royal Navy an einer Gedenkzeremonie in Kirkwall teil, dem Hauptort der Insel Mainland, der größten der schottischen Orkneys, ganz in der Nähe des Flottenstützpunktes Scapa Flow. (rab.)

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