https://www.faz.net/-gum-83drb

Expo und Buga : Ergehen wir uns im Antiquierten!

  • -Aktualisiert am

Mal aus dem Internet ausbrechen und … Dosen anschauen: Installation im koreanischen Pavillon auf der Expo in Mailand. Bild: AP

So unterschiedlich Expo und Buga auch sind, eines haben sie gemein: In der Event-Gesellschaft rufen derlei Ausstellungen längst keinen Zauber mehr hervor. Was also tun? Nichts wie hin!

          3 Min.

          Die Orte könnten nicht gegensätzlicher sein. In Mailand, der wirtschaftlich mächtigsten Stadt Italiens, findet die Weltausstellung des Jahres 2015 statt. An der Havel, in einer abseitigen Region mitten in Europa, begann vor kurzem die Bundesgartenschau. Die Ziele wiederum könnten nicht ähnlicher sein. In Italien erhofft man sich einen Aufschwung nach den Krisenjahren - dazu soll auf der Expo besonders das Thema Ernährung dienen, das wichtigen Exportartikeln eine Bühne bietet. In Brandenburg und Sachsen-Anhalt will man mit Sanierung und Renaturierung, mit Aussichtstürmen und neuer Infrastruktur dem sanften Tourismus eine vergessene Landschaft erschließen.

          Das klingt gut. Aber die gewaltsamen Proteste zur Expo-Eröffnung zeigen, dass eine Weltausstellung so manchem ein Symbol für bösen Kapitalismus und eine allumfassende Globalisierung ist. Aber auch jenseits solcher ideologischer Reflexe muss man fragen: Wie soll so etwas heute noch funktionieren? Warum soll man die Völker der Welt oder auch nur die deutschen Kleinstaaten zusammenrufen, um ihnen Neuheiten vorzustellen, die ohnehin jeder längst kennt?

          Weltausstellung : Der deutsche Stand auf der Expo 2015: „Landschaft der Ideen“

          In der digitalisierten Event-Gesellschaft werden solche Ausstellungen keinen Zauber mehr hervorrufen. Das können Fußball-Weltmeisterschaften besser und sogar der „Eurovision Song Contest“. Der wird zwar kommende Woche in Wien unsere Vorstellungen von Europa wieder arg strapazieren, schafft aber immerhin mit einem dramaturgischen Bogen so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl für einen Abend.

          Das Gelände der Expo 2000 ist ein Mahnmal

          Man muss sich das vorstellen: Karlsruhe und Osnabrück hatten schon die Zusage und schreckten dann doch vor der Bundesgartenschau dieses Jahres zurück. Denn meist werden die Kosten nicht wieder eingespielt. Und wie man das Gelände später sinnvoll weiternutzen kann, ist oft ungewiss. Der Grugapark in Essen, der Westfalenpark in Dortmund und die Rheinaue in Bonn sind zwar schöne Hinterlassenschaften großer Gartenbauausstellungen. Aber das Gelände der Expo 2000 in Hannover ist ein Mahnmal dafür, dass auch für stadtnahe Flächen lange nach einem Sinn gesucht werden kann.

          Auch das muss man sich vorstellen: Das Expo-Gelände in Mailand war zur Eröffnung nicht richtig fertig, die Erwartungen an Besucherzahlen wurden sicherheitshalber heruntergeschraubt. Die organisierte Kriminalität hat versucht mitzuverdienen, und teuer ist eine Karte auch. Es gäbe bessere Werbung für einen Ausflug.

          Im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der großen Entdeckungen und Erfindungen, waren die Glaspaläste der Weltausstellungen noch Kristallisationspunkte der Weltgeschichte. Man bestaunte Neuerungen von der Espressomaschine bis zum Reißverschluss und durfte sich als Teil der modernen Gesellschaft fühlen, die mit Industrialisierung und Technisierung an der Vervollkommnung des Menschengeschlechts arbeitete. Daraus ist bekanntlich nichts geworden. Und Geräte nimmt man heute vorwiegend als Oberfläche wahr. Nicht einmal Technik- und Architektur-Fans müssen noch nach Mailand fahren, um den Geist unserer Zeit zu erfassen.

          Heute gilt ein krähender Hahn schon als Belästigung

          Auch die großen Gartenbauausstellungen begannen im 19. Jahrhundert. Damals war die agrarisch geprägte Gesellschaft gespannt auf neue Züchtungen, und jede technische Erfindung machte das Leben in Feld, Flur und Garten leichter. Heute hat zwar das Landleben viele Anhänger, aber vor allem in der fiktionalen Welt der Fernsehserien und Lebenslustmagazine. Ansonsten ist uns die Natur so entrückt, dass jeder Hahn, der auf dem Mist kräht, als Lärmbelästigung gilt, und jede Kuh, die gemolken wird, als misshandeltes Lebewesen.

          Das alles kann aber nur heißen: Jetzt erst recht! Nichts wie hin! Ergehen wir uns im Antiquierten! Wenn man unter Technik nur noch Apple versteht, wenn man das Wort Havel erst einmal googeln muss, wenn keiner mehr eine Blume beim Namen nennen kann, dann könnte ein Schritt raus aus dem Haus womöglich zu einer neuen Erfahrung werden.

          Die globale Gemeinde hat natürlich längst im Netz zu sich gefunden, Freizeitparks sind fast rund um die Uhr geöffnet, die Urbanisierung geht überall weiter, und der Easy-Jetset kennt die ganze Welt. Aber was soll’s. Vielleicht kann man bei diesen Großereignissen im Kleinen erfahren, wie Zusammengehörigkeit noch funktioniert, wie die Provinz noch zum Blühen gebracht werden kann, wie man einmal aus der Parallelwelt der Partikularinteressen namens Internet ausbricht.

          Die Zeit der großen Erzählungen ist vorbei, aber in Details spricht die Welt noch immer zu uns. Deswegen ist die Idee mit den vielen randständigen Havel-Orten, denen Leben eingehaucht wird, nicht so schlecht: Dem großen Ganzen mag man heute misstrauen, im Kleinen aber kann man noch Neues entdecken.

          Die Blumen auf der Bundesgartenschau wachsen nicht in den Himmel, und die Pavillons der Mailänder Expo werden schon im Herbst verschrottet. Aber dieses Mal kann man beiden Veranstaltungen wenigstens nicht vorwerfen, dass sie uns über ihre kleinteilige Vorläufigkeit hinwegtäuschen würden. Nehmen wir das als Aufforderung, doch einmal hinzuschauen.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Weitere Themen

          Durchhalten ist angesagt

          Aktienmärkte : Durchhalten ist angesagt

          Omikron verunsichert die Märkte. Die Anleger suchen nach Anhaltspunkten - doch die Notenbanken erfüllen diese Funktion weniger. Das macht die Märkte volatil.

          Topmeldungen

          Marco Buschmann (FDP), designierter Bundesjustizminister

          Buschmann contra Kretschmer : An den Grenzen der Autorität

          Seine Kritiker verbreiten angeblich „fake news“ und einen Ministerpräsidenten behandelt er wie einen Dilettanten und Querdenker. Was ist los mit Marco Buschmann?
          Warten auf den Corona-Test: Norwegische Studenten harren am Montag am Flughafen von Johannesburg vor ihrem Flug nach Amsterdam aus.

          Neue Corona-Variante : Wie gefährlich ist Omikron?

          Erste Ausbrüche in Europa verstärken die Sorge, die neue Corona-Mutante könnte noch gefährlicher sein als die bisherigen Varianten. Zu Recht? Noch mangelt es an klinischen Daten, aber einiges lässt sich inzwischen schon über Omikron sagen.