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Siena : Die Piazza schreit vor Schmerz

Ein Pferd stürzt während des Palio Bild: AP

Die Freude der Sieger ist getrübt. Bei dem traditionellen Pferderennen von Siena, dem Palio, ereignete sich ein grausamer Unfall. Trauer liegt über der Stadt.

          3 Min.

          "Aquila!" Die Stimme des Mossiere, des Startleiters, zerschneidet die Stille. Seit ein paar Minuten schweigt der Platz, die 50000 Menschen, die sich auf der Piazza del Campo in Siena drängen, halten den Atem an. Zwei Stunden lang hat der Corteo storico, der historische Festzug, auf das Rennen vorbereitet und die Spannung gesteigert.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          An ihm nehmen Vertreter der 17 Contraden, der Stadtteile, und anderer gesellschaftlicher, politischer und militärischer Gruppen teil, die einst zur Sieneser Republik gehörten, mit Komparsen, Pagen, Fahnenschwingern und dem von vier weißen Ochsen gezogenen Triumphwagen, der an das 1260 in der Schlacht von Montaperti den Florentinern abgenommene Beutestück erinnert. Nun ist die Stille zum Zerreißen, und die Pferde der zehn Contraden, die teilnehmen, werden eines nach dem anderen ausgelost und aufgerufen, zwischen die Canapi zu treten, die zwei an der höchsten Stelle des muschelförmigen Platzes gespannten Startseile.

          Hier zählt nur Sieg, alles oder nichts, schwarz oder weiß

          Auf Aquila, den Adler, folgen Valdimontone (Widder), Drago (Drache), Oca (Gans), Leocorno (Einhorn), Pantera (Panter), Tartuca (Schildkröte), Bruco (Raupe), Selva (Wald). Jeder Name ruft Zustimmung der Contradaioli, der Bewohner des jeweiligen Stadtteils, hervor, die auf der Piazza stehen und ihre Halstücher, "die "persönlichen Fahnen der Sienesen" (Claude Levi-Strauss), schwenken. Nur das letzte Pferd, Nicchio (Muschel), wird nicht aufgerufen. Es ist die Rincorsa, ihm ist es vorbehalten, in vollem Galopp zwischen die Seile zu laufen und so das Rennen zu beginnen.

          Doch noch ist es nicht soweit. Die Pferde bringen die Ordnung durcheinander, ohne daß die fantini, die Jockeys, sie daran hindern können. Besonders Tartuca wird ermahnt. Sie geht ins Rennen mit Alesandra, die von Luigi Bruschelli, genannt Trecciolino, geritten wird. Dreimal werden Pferde und Reiter wieder a fuori, nach draußen, geschickt, um neu Aufstellung zu nehmen. Doch beim vierten Mal wird der Start zugelassen.

          Der Kanonenböller gilt: Schnell setzt sich Alesandra an die Spitze und läuft auf der mit Tuffsteinerde ausgelegten Bahn einem Start-Ziel-Sieg entgegen, der nur auf den letzten Metern (von dreimal 339 Metern insgesamt), als Selva bis auf eine halbe Länge herankommt, gefährdet ist. Hier zählt nur Sieg, alles oder nichts, schwarz oder weiß. Wie die Farben der Stadt.

          Tragischer Unfall

          Es ist der vierte Palio, an dem Alesandra teilnimmt, und ihr erster Triumph. Und es ist der 26. Palio, den Luigi Bruschelli reitet, und sein achter Sieg. Im August 2003 hat der 1968 in Siena geborene Jockey mit Berio für Bruco gewonnen und ein Jahr davor mit demselben Pferd auch für Tartuca. Seit 1998 war er jedes Jahr erfolgreich, viermal hintereinander am 2. Juli, wenn zu Mariä Heimsuchung Palio gefeiert wird, und nun schon zum dritten Mal zu Mariä Himmelfahrt am 16. August.

          So ließe sich diese jüngste Ausgabe des Palio resümieren - doch würde ihm das nicht gerecht. Denn was sich im Rücken von Trecciolino und der achtjährigen Stute ereignete, ergab, da es sich um einen der grausamsten Palii der vergangenen Jahre handelte, das größere Drama. Erst nimmt Giovanni Atzeni, ein 1985 in Nagold geborener Jockey, Sohn eines Sarden und einer Deutschen, die Casato-Kurve zu eng, bleibt an einem Eckpfeiler hängen, wird gegen die Bande geschleudert und reißt im Sturz zwei Konkurrenten mit.

          Dann kommt es in der Kurve San Martino, die in die lange Gerade vor dem Palazzo Pubblico einbiegt, zu einem noch schlimmeren Unfall: Der Jockey von Aquila stürzt mit seinem Pferd und fliegt in die Schaumstoffmatratze, so daß es ohne ihn weiterläuft, und direkt hinter ihm berechnet Dino Pes die Kurve falsch, sein Wallach Amoroso stößt mit dem Kopf an eine Begrenzung und bricht auf der Bahn tot zusammen. Doch das Rennen ist noch nicht zu Ende, die letzte Runde läuft. Die Piazza schreit vor Schmerz: Ein Versuch, das Pferd von der Bahn zu ziehen, mißlingt, dann fliegen Alesandra und ihre Verfolger auch schon vorbei, weichen aus oder setzen darüber hinweg. Wer die Szene sieht - vor allem von Fenstern und Tribünen aus -, ist bestürzt. Viele weinen und wenden sich ab.

          Mehr als ein Hauch von Trauer liegt über der Stadt

          Bei den Siegern ist die Freude zunächst so überschäumend wie sonst. Die Tartuchini, die Bewohner der Contrada Tartuca, lutschen am Ciuccio, dem Schnuller, mit dem sie ihre Wiedergeburt feiern, während sie mit Pferd und Palio, dem mit Hand bemalten, diesmal von dem polnischen Künstler Igor Mitoraj entworfenen Seidenbanner, zum Dankes-Tedeum hinauf in den Dom ziehen, singen und ihre blau-gelben Farben schwenken, eine Schildkröte auf Goldgrund.

          Die Gassen sind erleuchtet, die Glocken läuten - und doch wird es nicht der übliche Triumph. Mehr als ein Hauch von Trauer liegt über der Stadt. Der Tod von Amoroso hat die archaische Seite des Palios hervortreten lassen. Die Tierschützer werden die Sienesen wieder für eine Tradition angreifen, in der sie, so sagte es Federico Fellini, "im Konflikt mit ihren Contraden ihre Einigkeit finden". Doch erklären läßt sich der Palio kaum, im Inneren bewahrt er sein Geheimnis.

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