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: "Sie tötete, um ihn nicht zu verlieren"

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Man kann den Fall nur noch von hinten aufrollen. Aber schon das Datum auf dem Grabstein ist falsch. Edouard Stern, zu Lebzeiten Platz 38 auf der Liste der reichsten Franzosen, liegt auf dem jüdischen Friedhof von Genf begraben.

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          Man kann den Fall nur noch von hinten aufrollen. Aber schon das Datum auf dem Grabstein ist falsch. Edouard Stern, zu Lebzeiten Platz 38 auf der Liste der reichsten Franzosen, liegt auf dem jüdischen Friedhof von Genf begraben. Ganz in der Nähe des Bankers Edmond Safra, der noch vermögender war und beim Brand seiner Penthouse-Wohnung ums Leben kam. Und nicht weit von Albert Cohen, der mit "Die Schöne des Herrn" einen der großen Liebesromane des 20. Jahrhunderts geschrieben hat. Es ist die Geschichte eines unverbesserlichen Verführers, den seine Erfolge enttäuschen und der die Macht der Erotik verachtet. Sie endet mit dem Selbstmord der beiden Liebenden in einem Genfer Hotelzimmer.

          "Edouard Stern. 18. 10. 1954 - 01. 03. 2005": Am ersten März war der Tote in seiner Attika-Wohnung aufgefunden worden. Er trug einen Latexanzug und war gefesselt. Mit vier Kugeln, davon zwei in den Kopf, war er hingerichtet worden. Ein enger Freund Nicolas Sarkozys, ein Freund auch des früheren französischen Premierministers Laurent Fabius. Stern hatte den Ruf eines brutalen Geschäftsmanns: zynisch, berechnend, unerbittlich. Im Zusammenhang mit einer nie aufgeklärten politisch-finanziellen Affäre, bei der er fast hundert Millionen Euro verloren hatte, beschuldigte Stern hohe Vertreter der Wirtschaft und des Staats, darunter den ehemaligen Wirtschaftsminister Thierry Breton. Er hatte eine Klage eingereicht und fühlte sich wohl nicht ganz grundlos bedroht. Jedenfalls stellte ihm Sarkozy - als Innen- und Polizeiminister - einen Waffenschein aus. Und weil Edouard Stern auch mit den Russen undurchsichtige Geschäfte betrieb, zirkulierte die Version einer demütigenden Hinrichtung durch die Killer der Mafia. Mit Bangen blickte Paris nach Genf, wo die Justiz nie zuvor einem derart massiven Druck ausländischer Politiker ausgesetzt gewesen war. Auch nicht, als Uwe Barschel in der Badewanne eines Fünf-Sterne-Hotels starb.

          In Wahrheit war alles viel komplizierter - unpolitischer und privater. Die Szene war keine Inszenierung, aber sadomasochistisches Spiel hatte sich in tödlichen Ernst verwandelt: Der Waffennarr Edouard Stern war mit einer seiner fünf Pistolen, die er stets geladen und ungesichert aufbewahrte, erschossen worden. In der Rolle des Sklaven. Von seiner Geliebten Cécile B., die zumindest beim Sex seine Herrin gab. Zwei Wochen nach der Tat wird die Täterin verhaftet und legt ein Geständnis ab. Es ist auch ein Liebesbekenntnis zu ihrem Opfer.

          Cécile B., Jahrgang 1969, ist die Tochter einer Erzieherin für Behinderte. Bei einem ihrer Selbstmordversuche beteiligt die Mutter auch Cécile und drückt ihren Kopf in den Gasbackofen. Vergewaltigt und vernachlässigt, kommt sie im Alter von 17 Jahren in die Psychiatrie, aus der sie eine Tante herausholt. Sie arbeitet als Verkäuferin und Call Girl und möchte Künstlerin werden. Ihre Skulpturen sind in verschiedenen Gruppenausstellungen zu sehen. Bei einem Galeristen begegnet die "poetische Hure", als die sie der Schriftsteller Philippe Sollers besungen hat, dem "Mozart der Hochfinanz".

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