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Siamesische Zwillinge : Tabea ist nach der Trennung von Lea gestorben

  • Aktualisiert am

Benjamin Carson operierte mehrfach Siamesische Zwillinge Bild: AP

Eines der Siamesischen Zwillingsmädchen aus Lemgo hat die Operation in Baltimore nicht überlebt. Ihrer Schwester dagegen gehe es den Umständen entsprechend gut. Ihr Zustand sei kritisch, aber stabil.

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          In ihrer Heimatstadt Lemgo haben viele mit den Eltern der Siamesischen Zwillinge Tabea und Lea gelitten. Doch die Hoffnung, beide Mädchen könnte die riskante Trennung ihrer Köpfe gesund überstehen, war vergebens. Die 18 Stunden dauernde Operation im amerikanischen Baltimore überlebte die kleine Tabea nicht. Um 2.35 Uhr Ortszeit meldete das behandelnde Krankenhaus Johns Hopkins Children's Center im Internet den Tod des Mädchens. Ihre Schwester Lea befinde sich in „kritischem, aber stabilem Zustand“. Es gehe ihr nach dem Eingriff den Umständen entsprechend „gut“.

          In Lemgo sorgte die Nachricht für Trauer und Enttäuschung. Zu sehr hatte man trotz des unterbrochenen Eingriffs auf einen Erfolg des Operationsteams gehofft. Der Eingriff verlief zuletzt dramatisch. Nach Klinikangaben waren Tabea und Lea um 0.15 Uhr (Ortszeit) getrennt worden. Doch „trotz umfangreicher Wiederbelebungsversuche“ war Tabea während des Eingriffs gestorben. Die Klinik sprach den Eltern und der Familie von Tabea und Lea ihr tiefes Mitgefühl aus. Gleichzeitig habe man „große Hoffnung“, daß Lea stark bleiben und sich gut erholen werde und zu einem „gesunden jungen Mädchen heranwächst“, hieß es.

          Tabea trug das größere Risiko

          Bereits zuvor hatte sich angedeutet, daß Tabea bei der anstrengenden OP das größere Risiko hatte. Die Trennung war in der Nacht zum Sonntag schon einmal versucht, wegen Komplikationen aber gestoppt worden. Zweimal war bei Tabea ein vorübergehender Herzstillstand festgestellt worden. Die Zwillinge wurden in den 82 Stunden bis zur Fortsetzung der Trennungsoperation unter Narkose gehalten.

          Die operative Trennung von Siamesischen Zwillingen gehört zu den schwierigsten chirurgischen Eingriffen. Als Siamesische Zwillinge versteht man Zwillingskinder, die sich während ihrer frühen Embryonalphase nicht komplett getrennt haben und deshalb zusammengewachsen sind, und zwar meist am Brust- oder Kreuzbein. In nur etwa zwei Prozent aller Fälle betrifft es den Kopf. Statistisch kommt diese Fehlbildung bei einer von 100.000 Geburten vor, Verwachsungen am Kopf sogar nur bei einer unter zwei Millionen Geburten.

          Gläubige Eltern

          Weil ihr mennonitischer Glaube eine Abtreibung verbietet, trug die Mutter die Risikoschwangerschaft aus. Irritiert haben dürfte manche Beobachter, daß die deutschen Eltern die Rechte der OP-Geschichte an das „Magazin “Stern" verkauft hatten. Sie wollten mit dem Honorar einen Teil der Operationskosten finanzieren und eine größere Öffentlichkeit für erhoffte Spenden erreichen. Einem Fernsehbericht zufolge wurden 200.000 Euro für die weitere Versorgung der Kinder gesammelt.

          In der Öffentlichkeit war der Schritt von Peter und Nelly Block, beispielsweise in Internetforen, kontrovers diskutiert worden. Manche kritisierten eine zu strenge Gottgläubigkeit, andere lobten ihren Mut, ihre schwer kranken Kinder anzunehmen.
          Der Pastor der Mennonitischen Brüdergemeinde Lemgo, Nikolai Reimer, zeigte sich am Donnerstag erschüttert über die Nachricht vom Tod der kleinen Tabea. Man habe nicht mit einer solchen Entwicklung gerechnet, da die amerikanischen Ärzte als Spezialisten gelten, betonte Reimer. Mit dem Ehepaar Block könne er derzeit nicht sprechen, weil sich das Paar im Krankenhaus aufhalte.

          Erst im vergangenen Jahr hatte der Fall der beiden 29jährigen Iranerinnen Laleh und Ladan Bijani für Aufsehen gesorgt. Sie hatten Jura studiert, waren gereist und aktiv, bis sie sich entschlossen, die ewige Gemeinsamkeit zu beenden und eine Operation anzutreten. Nachdem mehrere deutsche Universitätskliniken den Eingriff als zu riskant abgelehnt hatten, versuchte es der Mediziner Keith Goh in Singapur unter Mitarbeit von Benjamin Carson, der auch die OP von Tabea und Lea leitete. Doch beide Frauen verbluteten bei der 50 Stunden andauernden Operation.

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