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Siamesische Zwillinge : Gemischte Gefühle nach dem Drama im Operations-Saal

  • Aktualisiert am

Das Ärzteteam in Baltimore Bild: dpa/dpaweb

„Wir sind glücklich, daß Lea überlebt hat, aber wir sind traurig, weil Tabea es nicht geschafft hat“, sagte der Chirurg Carson nach der Trennung der Siamesischen Zwillinge. Doch Lea muß noch weitere Operationen überstehen.

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          Auf der Intensivstation der Kinderklinik in Baltimore bewegt die 13 Monate alte Lea bereits wieder die Glieder und versucht, die Augen zu öffnen. Ihre Zwillingsschwester Tabea aber wird sie nie ansehen können. Tabea starb bei dem komplizierten Eingriff zur Trennung der am Kopf verwachsenen Mädchen. Lea dagegen hat gute Chancen zu überleben und bald nach Hause ins westfälische Lemgo zurückzukehren. Nach dem mehrtägigen Drama im Operationssaal sind die Gefühle der Ärzte und Eltern extrem gemischt.

          „Wir sind natürlich sehr, sehr glücklich, daß Lea überlebt hat, aber wir sind auch sehr traurig, weil Tabea es nicht geschafft hat,“ sagte der federführende Arzt Benjamin Carson bei einer Pressekonferenz am Donnerstag abend. Der Neurochirurg von der Johns-Hopkins-Kinderklinik in Baltimore hatte für den gefährlichen Eingriff ein hochkarätiges Team aus 35 Ärzten und zahlreichen Pflegekräften um sich versammelt, das im Schichtdienst arbeitete.

          Die Eltern: überraschend stark

          Die Eltern Nelly und Peter harrten derweil in einem geschlossenen Raum aus und ließen sich im ein- bis zweistündigen Abstand von dem mitgereisten Bielefelder Kinderarzt Tillman Polster über den Stand der Operation informieren. Wie die Eltern den Tod Tabeas aufnahmen, ließ sich zunächst nur aus zweiter Hand erfahren. Die Blocks haben einen Exklusivvertrag mit der Zeitschrift „Stern“, die Spenden für die Operation und ihren mehrmonatigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten gesammelt hat und waren deshalb bei der Pressekonferenz nicht dabei.

          Eine vor der Operation angefertigte Zeichnung der Blutgefäße in den Köpfen der Zwillinge

          Polster, der die Familie schon seit Monaten betreut, berichtete, daß Nelly und Peter Block gefaßt reagiert hätten. Er sei selbst „überrascht, wie stark sie in dieser Situation gewesen sind“. Geholfen habe den Eltern, daß sie sich im Vorfeld intensiv mit der Möglichkeit eines tragischen Endes auseinandergesetzt hätten - sie seien gewissermaßen vorbereitet gewesen.

          „Wir müssen lernen, damit umzugehen“

          Ihre Kraft gewinnen die Blocks, die der Religionsgemeinschaft der Mennoniten angehören, vor allem aus ihrem Glauben. Auch wenn die Verwachsung der Babys im 180-Grad-Winkel schon in einem frühen Schwangerschaftsstadium fest stand, kam eine Abtreibung für das junge Paar nie in Frage. „Gott hat uns diese Kinder gegeben, ihre Abtreibung wäre Mord gewesen“, sagte die 27jährige Mutter vor der Operation. Und zu einem möglichen Tod ihrer Kinder sagte sie: „Egal wie Gott auf unsere Gebete antwortet, wir müssen lernen, damit umzugehen.“ Die Art und Weise, wie die Blocks dann mit dem Tod Tabeas umgehen, beeindruckte auch die Ärzte: Dies seien „außergewöhnlich starke“ Menschen, sagte Carson.

          Über die Risiken des Eingriffs waren Nelly und Peter Block im Bilde. Nur eine 50prozentige Überlebenschance hatten die Ärzte den siamesischen Zwillingen gegeben. Dennoch hielten die Eltern die Operation für unvermeidlich; Lea und Tabea wären ansonsten zu einem Leben im Liegen verurteilt gewesen und schwere Pflegefälle geblieben. Gleich zu Beginn der Operation am Samstag aber erwies sich Tabea als das schwächere der Mädchen. Weil ihr Herz zweimal vorübergehend still stand, mußte die Operation nach knapp acht Stunden zunächst abgebrochen werden. Am Mittwoch setzten die Ärzte dann ihre Filigranarbeit fort, Gehirngewebe und Blutgefäße der Mädchen zu trennen. Nach insgesamt fast 34 Stunden war die Operation dann beendet - Tabeas Herz aber blieb kurz danach für immer stehen.

          Der Kampf um Leas Leben geht weiter

          Die Ärzte in Baltimore werden nun in den nächsten Wochen weiter um Lea kämpfen müssen - noch ist sie nicht über den Berg. Weitere Operationen an ihrem Schädel und ihrer Kopfhaut sind notwendig. Und einen Gehirnschaden können die Ärzte im jetzigen Stadium noch nicht ausschließen. Doch Carson ist optimistisch: Lea habe „eine gute Chance, ein gesundes und unabhängiges Leben zu führen“, sagte er. Ihre Regungen in der Intensivstation deuten die Ärzte als hoffnungsvolles Anzeichen, daß Lea gesund wird.

          Tabea soll in ihrer Heimatstadt Lemgo bei Detmold beigesetzt werden. Der Zeitpunkt der Überführung aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland stehe jedoch noch nicht fest, sagte der Leiter der mennonitischen Gemeinde der Familie, Nikolai Reimer, am Freitag. Die Bestattung solle im engsten Familienkreis stattfinden.

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