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Shuttle-Problem : Greise Schiffe unter Höchstlast

  • -Aktualisiert am

Einfach zu alt? Die „Discovery” auf der Startrampe in Cape Canaveral Bild: AP

Nach der „Columbia“-Katastrophe steckte die Nasa mehr als eine Milliarde Dollar in ihre veralteten Raumfähren. Einen Neuanfang wagte sie nicht. Die Startschwierigkeiten der „Discovery“ offenbaren strategische Fehlentscheidungen.

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          Der Abbruch des Countdown zum Start der Raumfähre „Discovery“ am Mittwoch hat gezeigt, in welch geradezu aussichtsloser Lage die Weltraumbehörde zur Zeit steckt. Einerseits erheben die Verantwortlichen der Nasa den Anspruch, die drei verbliebenen Raumtransporter technisch so sicher wie noch nie gemacht zu haben.

          Seit der „Columbia“-Katastrophe vor fast zweieinhalb Jahren wurden mehr als eine Milliarde Dollar für die Modernisierung der Fähren ausgegeben. Gleichzeitig unterzog sich das Management der Nasa einer Radikalkur. Entscheidungen, die Raumtransporter betreffen, werden nur noch nach langen Sitzungen mit Dutzenden Beteiligten gefällt.

          Andererseits hat man es mit einer Flotte greiser Schiffe zu tun. Zwei Raumfähren sind weit älter als zwanzig Jahre. Nur die „Endeavour“ ist ein wenig jünger; sie wurde nach dem „Challenger“-Unglück im Jahr 1986 gebaut. Die Technik in den Fähren ist veraltet, ihre Elektronik stammt zum großen Teil noch aus den Zeiten des Transistorradios. Außerdem scheinen noch längst nicht alle Nasa-Mitarbeiter der Sicherheit der Raumtransporter höchste Priorität zu geben. Wie sonst wäre zu erklären, daß auf der Startrampe die Abdeckung für ein Cockpitfenster von außen mit Klebeband befestigt war, nachts bei Wind abfiel und dabei Hitzeschutzkacheln beschädigte?

          Offiziell hieß es nach dem Abbruch des Countdown, ein Sensor in jenem Teil des Außentanks habe versagt, in dem Wasserstoff gespeichert wird. Dieser Sensor ist Teil einer „Benzinuhr“ für die Raumfähre. Fällt der Wasserstoff unter ein niedriges Niveau, spricht der Sensor an und sendet per Kabel ein analoges Signal an eine Steuerelektronik an Bord der Raumfähre. Diese Elektronik wiederum schaltet die Triebwerke ab und betätigt gleichzeitig ein Ventil, das die Kraftstoffzufuhr unterbricht.

          Wie ein Transitorradio aus vergangenen Zeiten

          Mit diesem Regelkreis wird verhindert, daß die Triebwerke oder Pumpen ohne Treibstoff laufen und dabei beschädigt werden könnten. Die Steuereinheit ist wie ein Transistorradio aus vergangenen Zeiten noch mit einzelnen elektronischen Bauteilen bestückt und besteht nicht - wie moderne Mikroelektronik - aus integrierten Schaltkreisen. Der Nasa ist sogar bekannt, daß einige Transistoren in der Steuereinheit mit ihrem Alter von mehr als 25 Jahren zum Teil nicht mehr ihre Sollwerte an Spannungen und Stromstärken erreichen.

          Innerhalb dieses Regelkreises gab es bei einer Probebetankung im April schon einmal Probleme. Die Nasa-Ingenieure gingen der Sache jedoch nicht auf den Grund, denn der Tank sollte ohnehin vor dem Start gegen ein neues Modell ausgetauscht werden. Dazu mußte die „Discovery“ in die Montagehalle zurückgefahren werden. Dort wurde nicht nur der Tank ersetzt, sondern auch die Steuerelektronik der „Benzinuhr“. Zunächst bauten Techniker dazu die identische Steuereinheit aus der Fähre „Atlantis“ aus und setzten sie in die „Discovery“ ein.

          Weil auch dieses Bauteil fehlerhafte Signale lieferte, wurde schließlich die entsprechende Steuereinheit aus der Fähre „Endeavour“ in die „Discovery“ eingebaut. Nachdem sowohl die Steuerelektronik als auch der neue Tank montiert waren, wurde die „Discovery“ wieder zur Startrampe gerollt. Eine neue Probebetankung sei nicht nötig, sagte damals der Leiter des Shuttle-Programms, Bill Parsons, denn man habe das Problem durch den Austausch der Komponenten in den Griff bekommen.

          Alterskrankheiten - zu hohes Risiko?

          Wie sich aber am Mittwoch zeigte, ist das offenbar nicht der Fall. Nach einer Sitzung der Managementgruppe des Shuttle-Programms sagte dessen stellvertretender Direktor Wayne Hale am Donnerstag, man werde den Ursachen nun endgültig auf den Grund gehen. Dazu wurden zwölf Ingenieurgruppen in den Raumfahrtzentren der Nasa gebildet, die jeweils einen einzelnen Aspekt des defekten Regelkreises untersuchen. Mehr als hundert Fachleute sind damit befaßt. Als Folge dieser Untersuchung könne man frühestens am Sonntag einen neuen Startversuch unternehmen.

          Je älter die drei verbliebenen Raumfähren werden, desto häufiger ist mit solchen Alterskrankheiten zu rechnen. Dabei müssen bei einem Flug in den erdnahen Weltraum alle Komponenten der Fähren präzise und zuverlässig funktionieren und - wie etwa Triebwerke oder Treibstoffpumpen - unter Höchstlast arbeiten. Für die Nasa wird es immer schwieriger, die Raumfähren in Höchstform zu halten. Schwer zu identifizierende Probleme werden immer häufiger auftreten.

          Raumfähren sollen eingemottet werden

          Bei den Raumfähren gibt es aber weniger Spielraum als bei einem Oldtimer. Schon ein kleiner technischer Fehler kann das Ende eines Raumfluges und den Tod von Astronauten bedeuten. Unter diesen Umständen fragen sich viele Fachleute, warum die Nasa nach der „Columbia“-Katastrophe noch einmal versuchte, die schon damals veralteten Raumfähren aufzumöbeln, und nicht alle Energie in die Entwicklung eines neuen Schiffes steckte. Pläne dafür gibt es schon lange, nicht nur bei der Nasa und ihren Auftragnehmern aus der Großindustrie, sondern auch bei kleineren Unternehmen. Auch russische Ingenieure haben Ideen für wiederverwendbare Raumschiffe.

          In spätestens fünf Jahren, so wollen es Präsident Bush und der Kongreß, sollen die Raumfähren ohnehin eingemottet werden. Warum macht die Nasa dann nicht schon jetzt einen Neuanfang und setzt das zum Teil brillante Fachwissen ihrer Ingenieure zum Bau eines neuen Raumvehikels ein? Der Vorfall vom Mittwoch wird nicht der letzte seiner Art gewesen sein. Es wird wieder dazu kommen, daß der Start einer Raumfähre wegen Altersschwäche abgesagt oder verschoben werden muß.

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