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Übergriffe in Mainzer Kita : Mehr als die üblichen Doktorspiele

Keine harmlosen Kinderspiele: In der katholischen Kindertagesstätte „Maria Königin“ herrschten zuletzt entsetzliche Zustände. Bild: dpa

Die Kinder schlugen einander und führten sich gegenseitig Gegenstände ein: In einer Mainzer Kita herrschte ein System der Gewalt. Die Erzieher wollen nichts mitbekommen haben. Nun wurden alle entlassen. Beendet ist die Sache damit aber nicht.

          Weil es in der katholischen Kindertagesstätte „Maria Königin“ offenbar über Monate hinweg zu gewalttätigen und sexuellen Übergriffen zwischen Kindern gekommen ist, hat das Bistum Mainz alle sieben als Erzieher tätigen Mitarbeiter des Hauses fristlos gekündigt. Von einem „geschlossenen System“ und einem „Geist der Verrohung“ sprach Generalvikar Dietmar Giebelmann am Donnerstagabend im Bischöflichen Ordinariat, als er zu erklären versuchte, welche Vorfälle auch von der Staatsanwaltschaft untersucht werden.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz.

          Ermittlungen gegen die handelnden Kinder, die zwischen drei und sechs Jahre alt sind, „kommen mit Blick auf deren Strafunmündigkeit nicht in Betracht“, so Oberstaatsanwalt Gerd Deutschler. Geprüft werde jedoch, ob es zu strafbaren Verletzungen der Aufsichts- und Fürsorgepflicht durch das in der Kita eingesetzte Personal gekommen sei. Für das Bistum, das in den vergangenen Tagen intensive Gespräche mit den Eltern der insgesamt 55 betroffenen Mädchen und Jungen geführt hat, scheint dies die „einzig plausible Erklärung“.

          Denn laut Giebelmann waren alle Kita-Gruppen und – bis auf zwei Fälle – wohl auch alle Kinder auf diese oder jene Weise, ob als Handelnde oder Erleidende, der Gewalt und den sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Verhaltensweisen, die er als „Perversitäten sexueller Gewalt“ bezeichnete, wie man sie sich nur im Zusammenhang mit harter Pornografie vorstellen könne. Allerdings verbiete es sich, bei Drei- bis Sechsjährigen nach Tätern und Opfern zu unterscheiden, weil letztlich alle traumatisiert und somit Opfer seien.

          Die Erzieherinnen wollen nichts bemerkt haben

          Konkret mussten sich Kinder – bisweilen mehrfach am Tag – demnach vor anderen entblößen, ihre Geschlechtsteile zeigen und sich Schläge gefallen lassen. Zudem seien „mit erstaunlicher Phantasie“ auch Gegenstände in den After eingeführt worden. Von alledem wollen die Erzieherinnen nichts bemerkt haben, die laut Giebelmann bei Befragungen keine Erklärung oder gar Entschuldigung vorgebracht hätten, die für ihn nachvollziehbar seien. Erste Eltern hatten sich schon im Dezember besorgt an die Kita-Leitung gewandt. Doch alle Anfragen und Elternschreiben haben das Haus nach Angaben des Generalvikars nicht verlassen. Die benachbarte Pfarrei Mariä-Himmelfahrt sei als Träger der Einrichtung ebenso wenig informiert worden wie das Bistum Mainz, das sich in Zukunft bei der Personalauswahl für die Kita stärker einmischen will. Denn „Maria Königin“ soll zum nächsten Kindergartenjahr im September unter neuer Leitung, mit neuen Erzieherinnen und neuem Konzept wiedereröffnet werden.

          Dass es sich bei den Vorfällen im Mainzer Stadtteil Weisenau nicht um die in diesem Alter üblichen „Doktorspiele“ gehandelt habe, bestätigte der Präsident des aufsichtführenden Landesjugendamts, Werner Keggenhoff. „Vorwürfe wie diese habe ich seit Jahren nicht gehört“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Man habe viel zu lange gewartet, „bis man sich professionelle Hilfe geholt hat“. Die betroffenen Eltern erfuhren zwischen dem 2. und dem 10. Juni ebenfalls erst nach und nach, dass in der von ihrem Kind besuchten Einrichtung geschlagen, erpresst und gedroht worden sein soll – bis hin zu Aussagen wie: „Wenn Du dein Spielzeug nicht mitbringst, machen wir Dich tot.“

          „Kartell des Schweigens“

          Das Bistum, das Anfang Juni vom zuständigen Pfarrer auf die Missstände aufmerksam gemacht worden war, hat nach stundenlangen Gesprächen mit Eltern und Mitarbeitern den Eindruck, dass ein „Kartell des Schweigens“ dazu geführt habe, dass nichts von alledem nach draußen drang. Einzelne Eltern könnten auch Angst davor gehabt haben, dass ihre Kinder, falls man sich jetzt beschwere, früher oder später wieder mit den anderen in der Weisenauer Grundschule in der gleichen Klasse säßen und dann abermals „Opfer“ seien.

          Auf Gespräche mit den betroffenen und zum Teil auch traumatisierten Jungen und Mädchen hat die Kirche bewusst verzichtet: „Das sollen Fachleute machen, die uns von der Universitätsmedizin Mainz angeboten wurden“, sagte Giebelmann. Erhellend könnte es dagegen sein, mit ehemaligen Mitarbeitern der Einrichtung zu sprechen. Denn schon früher soll die Fluktuation in „Maria Königin“ auffällig gewesen sein.

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