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Sex zum Flatrate-Tarif : Wir können nur billig

Wird der Mensch hier zur Ware? Bild: Andreas Pein

„Frauenverachtend“, toben die Kritiker und wollen All-inclusive-Bordelle verbieten. Im Juni hat in Fellbach bei Stuttgart eine Dependance des Pussy-Clubs eröffnet hat und wirbt mit einer „Sex-Flatrate“. Doch zwischen Werbung und Wirklichkeit klafft ein Unterschied.

          6 Min.

          Ein Tag in dem Bordell, das den einen Paradies auf Erden, den anderen die neue Hölle ist, beginnt mit einer Einführung in die Spielregeln. Mittwochvormittag im "Pussy-Club" Berlin, zehn Gehminuten vom Flughafen Schönefeld entfernt: Direkt an der Bundesstraße befindet sich ein gelbes, spitzgiebeliges Wohnhaus. "Warst du schon mal bei uns?", fragt Patricia Floreiu, sobald ein Mann das Souterrain betritt.

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf dem Tresen stehen angewelkte Rosen in einem Champagnerkübel. Die Handtücher im Regal hinter der Betreiberin haben einen Grauschleier vom vielen Waschen. Floreiu kassiert siebzig Euro. Sie überreicht einen Spindschlüssel sowie Badelatschen in der erforderlichen Größe. Dann sagt sie knapp: "Bis 16 Uhr darfst du bleiben. Alles inklusive, die Getränke und die Damen. Mit wem du willst und so oft du willst."

          Der Mensch wird zur Ware

          Am Anfang war der Pauschaltourist. Dann kamen Büfetts nach dem Prinzip "all you can eat". Flatrate-Tarife fürs Telefon sind gang und gäbe. Seit aber im Juni in Fellbach bei Stuttgart eine Dependance des Pussy-Clubs eröffnet hat und mit einer "Sex-Flatrate" wirbt, schlagen die Wellen hoch. Bürgerinitiativen und Menschenrechtsorganisationen, Lokalpolitiker und Gleichstellungsbeauftragte, die Parteien im Stuttgarter Landtag sowie der Innen- und der Justizminister aus Baden-Württemberg sind alarmiert: "Frauenverachtend", lautet das einmütige Urteil der Empörten.

          Hölle oder Paradies? Der Pussy-Club in der Nähe des Berliner Flughafens
          Hölle oder Paradies? Der Pussy-Club in der Nähe des Berliner Flughafens : Bild: Andreas Pein

          "Es geht nicht darum, dass wir die großen Moralapostel sind", sagt ein Sprecher der Stadt Fellbach. "Aber dort, wo der Mensch zur Ware wird, hat Prostitution eine Grenze." Die Kritiker sprechen von Ausbeutung und einer Verletzung der Menschenwürde, von einer "modernen Form der Sklaverei".

          Immer verfügbar und zu allem bereit

          Tatsächlich klingt die Werbung des Pussy-Clubs so, als seien die Mädchen dort so wie "Premiere Sport" und der Kaffee zum Frühstück jederzeit verfügbar - allesamt zu allem bereit. Als brauche sich der Kunde nur zu bedienen und entscheide allein, mit wem er wie lange was auch immer treiben wolle. Sexuelle Sonderwünsche, die sonst in der Branche mit kräftigen Preisaufschlägen berechnet werden, sind im Pussy-Club inbegriffen. "Analsex inklusive", versprechen Flyer und Homepage.

          Wie die Kritiker meinen, unterläuft der Pauschalpuff damit die gängige Vertragspraxis im Milieu. "Preis und Leistung sind bei einer ,Sex-Flatrate' nicht mehr frei verhandelbar", heißt es in einem offenen Brief aus Fellbach, der unter anderen an die Bundeskanzlerin adressiert ist: Den Frauen werde das bisherige Mindestmaß an Einflussnahme und Selbstbestimmung genommen. Schnell standen Forderungen nach einem Verbot von Flatrate-Bordellen und einer Änderung des Prostitutionsgesetzes im Raum.

          Rabattaktionen im Rotlichtmilieu

          Brancheninsider pochen dagegen auf eine differenziertere Betrachtung der Dinge. Zum einen, erinnert zum Beispiel Stephanie Klee vom Bundesverband sexuelle Dienstleistungen, habe es Rabattaktionen auch im Rotlichtmilieu schon immer gegeben; ohne das Internet habe die Allgemeinheit bloß selten davon erfahren.

          Zum anderen ärgert sich die Hurenaktivistin über aufgeregte Außenstehende, die Prostitution sowieso am liebsten verboten sähen und wieder einmal die ganze Branche in Misskredit brächten. Ansonsten warnt sie vor Pauschalurteilen über Pauschaltarife: "Ich würde mir jeden einzelnen Laden angucken wollen, bevor ich so etwas ablehne." Wer sucht, findet in der Tat längst Dutzende von Etablissements, die mit All-inclusive-Angeboten werben.

          Die Chefin selbst sitzt hinterm Tresen

          Ortstermin im Pussy-Club Berlin, wo die 26 Jahre alte Patricia Floreiu in dieser Woche selbst hinter dem Tresen sitzt, weil ihre Empfangsdame Urlaub hat. Die gebürtige Rumänin ist in Deutschland aufgewachsen und hat Einzelhandelskauffrau gelernt. In anderthalb Jahren hat sie nicht nur in Berlin und Fellbach, sondern auch in Heidelberg und Wuppertal Pussy-Clubs eröffnet. Sie ist ungeschminkt und trägt Pferdeschwanz zu Leggins.

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