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Seniorengemeinde : Zum Sterben hat man in Sun City keine Zeit

  • -Aktualisiert am

Die Mitglieder einer Tanzgruppe feiern das 25jährige Bestehen von Sun City Bild: AP

Der Regisseur Tim Burton hätte seine helle Freude an dem morbiden Charme der ältesten Seniorengemeinde Amerikas. In Sun City gibt es keine Kinder, keine Kriminalität und keine Unordnung. Vierzigtausend ältere Menschen begehen hier den Herbst ihres Lebens.

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          Es ist eine seltsame kleine Enklave, die sich auf einem elf mal drei Kilometer großen Areal hinter mannshohen Mauern im Nordwesten von Phoenix erstreckt. Weiß getünchte Bäume säumen unter stahlblauem Himmel menschenleere Straßen mit freundlich-schlichten Häuschen, deren Vorgärten von Kieselbeeten in unterschiedlichen Farbtönen - blassgrün, beige, rostrot - geformt werden.

          Eulenfiguren zieren die Antennen auf den Dächern, und alle paar Meter öffnen sich die Reihen, um den Blick auf eines der vielen Kirchengebäude hier freizugeben. Dies ist Sun City, eine Art Endstation vom Reißbrett, die älteste Seniorengemeinde der Vereinigten Staaten. Vierzigtausend Menschen, Durchschnittsalter 73,5 Jahre, begehen hier, unter der ewigen Sonne Arizonas, den Herbst ihres Lebens.

          In der Stadt hört man kein Kinderlachen

          Die Altenstadt bietet ein Bild, das einer morbiden Phantasie von Tim Burton entsprungen sein könnte: Bei der Fahrt durch die friedhofsstillen Straßen fällt der Blick bisweilen in offene Garagen, in denen alte Herren geschäftig werkeln. Hier und da biegt ein weißer Lincoln gemächlich um eine Ecke, übers Lenkrad reckt sich ein faltiges Gesicht.

          Ein Mitglied der Gruppe „Sons of the American Revolution”

          Eine gebeugte Greisin zieht sich an ihrer Gehhilfe voran. Man hört kein Kinderlachen, niemand schiebt einen Babywagen über die akkurat gezogenen Bürgersteige. Es gibt keine händchenhaltenden Pärchen, ehrgeizigen Jogger oder eilige Geschäftsleute. Man wäre kaum überrascht, an einer Ecke den Sensenmann selbst zu erblicken, grinsend an einen Laternenpfahl gelehnt.

          Altensiedlung mit Club-Charakter

          Doch die Menschen kommen nicht zum Sterben nach Sun City, im Gegenteil: Sie sind hier, um ihren letzten Jahrzehnten so viel Leben wie möglich abzuringen. Der kalifornische Baulöwe Del Webb hatte in den fünfziger Jahren die Idee eines Seniorenrefugiums, als er seinen Großvater Jimmy klagen hörte: „Alt zu werden, ohne etwas zu tun zu haben, ist ziemlich deprimierend.“

          Medizinische Errungenschaften, eine boomende Wirtschaft und steigende Lebenserwartungen brachten eine Generation von Pensionären hervor, die sich in den herkömmlichen Vorstellungen vom Altern nicht angemessen aufgehoben fühlten. Also entwarf Webb eine Altensiedlung mit Club-Charakter, einen sauberen, sicheren Seniorentraum mit Pool-Landschaften, Golfplätzen, Werkstätten und Bowlingbahnen. Sun City war der maßgeschneiderte Gegenentwurf zur Perspektivlosigkeit der Lebensjahre nach der Aussortierung aus der Produktionsgesellschaft.

          Altersheim in Kleinstadtgröße

          Als Sun City im Januar 1960 eröffnete, strömten hunderttausend Neugierige herbei, im ersten Monat wurden vierhundert Häuser verkauft. Die Idee, einen eigenen Lebensraum für die Alten zu entwerfen, nahm Amerika begeistert auf. „The Retirement City: A New Way of Life for the Old“, titelte das „Time Magazine“ 1962 euphorisch.

          Heute bietet das Altersheim in Kleinstadtgröße vom eigenen Grundstück über betreutes Wohnen bis zum Hospiz alle Stationen des Alterns. Doch wird es zugleich mit beeindruckendem Aktivismus verdrängt. Sun City, das zwar über eine eigene Postleitzahl, nicht aber über eine politische Struktur verfügt, gruppiert sich um ein Gravitationszentrum von Golfplätzen und Freizeitzentren, Tennisplätzen, Fitnessclubs und Bowlingbahnen sowie zahllosen Handwerksstätten und Interessenverbänden: Stricken, Schmieden, Tischlern, Gärtnern, Malen, Weben, Töpfern, Musizieren und Theaterspielen sind im Angebot.

          Keine Kinder und keine Kriminalität

          Bei Sahnetorte und Kartenspiel über den Lauf der Dinge zu seufzen - das gilt hier als Seniorenleben von gestern: „In Deutschland“, meint Hans Herrmann, „sitzen alte Leute mit einem Kissen unterm Arm am Fenster und starren den ganzen Tag auf die Straße. Hier ist das anders.“

          Hans und Ruth Herrmann, beide siebzig, leben seit zehn Jahren in Sun City. In Amerika spricht man nicht von Seniorensiedlungen oder Altendörfern, sondern euphemistisch von „active adult communities“, Gemeinden aktiver Erwachsener. Hans Herrmann ist etwas schnörkelloser: „Ich habe zwei Töchter großgezogen, you know, ich habe ihnen alles gegeben. Jetzt will ich meine Ruhe haben.“ Er mag die Sauberkeit und Sicherheit der Siedlung - keine Kinder, keine Kriminalität, keine Unordnung.

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