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Seniorengemeinde : Zum Sterben hat man in Sun City keine Zeit

  • -Aktualisiert am

1964 kam er mit seiner Frau aus dem Ruhrgebiet nach Chicago, später zog es sie nach Arizona, dann nach Sun City. „Unsere Töchter“, sagt Ruth Herrmann, „können bis heute nicht verstehen, dass wir hier leben wollen.“ Ihr Mann fügt hinzu: „Sie waren sogar dagegen, dass wir herziehen. Ihr werdet da zu schnell alt, meinten sie.“

Ort mit Endstations-Charakter

Derzeit leben hier 129 Menschen, die älter als hundert sind; allenfalls die durchziehenden Postboten und Handwerker brechen das demographische Bild. Hans Herrmann macht sich indes keine Illusion über den Endstation-Charakter des Orts: „Irgendwann werden wir hier in die Wand geschoben“, sagt er. „Hier liegt ja alles in walking distance. Zum Friedhof kann man laufen.“ Er lacht.

Auf dem Weg dorthin liegt das Freizeitzentrum. In der blitzmodernen, lichtdurchfluteten Fitnessanlage trotzen die Alten ihren Körpern Schweiß und Kalorien ab. Hier muss man sich nicht schämen, mit faltigen Armen Gewichte zu stemmen wie die Dame im Rüschenpullunder oder gemächlich über das Laufband zu schlurfen wie der alte Herr in Leinenhose und geknöpftem Hemd, der einer Generation entstammt, in der Sportkleidung noch nicht zur Alltagsrobe gehörte. Ein Mittfünfziger, der ein Stück weiter ächzend seine imposanten Oberarme stählt, wirkt hier geradezu lächerlich jungenhaft.

Keine Zeit zum Sterben

Gleich nebenan liegen die professionell ausgestatteten Handwerksstätten. Wegen schlechter Augen oder zittriger Hände wird hier niemand geringgeschätzt. „Eigentlich hat man in Sun City gar keine Zeit, alt zu werden“, sagt Ria Schwärzel. Die gebürtige Frankfurterin, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Ehefrau eines amerikanischen Offiziers nach Amerika kam, knüpft mit ihren 81 Jahren an ein Interesse aus ihren Tagen als junge Angestellte in einem Frankfurter Juweliergeschäft an.

In der Silberschmiede von Sun City entwirft und fertigt sie nun kunstvoll gehämmerte Ohrringe, hübsch gedrechselte Armbänder und „Accidentals“ genannte Amulette, deren Herstellungsverfahren dem Silvester-Bleigießen ähnelt.

Preiswert leben in Sun City

Hans Herrmann sagt, er habe immer davon geträumt, einmal unter Palmen zu leben. Nun schaut er, wenn er vor seiner Tür durch die Reihenhausgasse blickt, in der Ferne auf die Wipfel der schlanken Pflanzen, die den nahe gelegenen Golfplatz säumen. Er schwenkt den Arm über das Panorama, das sich vor ihm auftut: ein kreisrunder See, ein Hügel mit Teehäuschen, ein kleiner Wasserfall.

„So preiswert und so schön kann man sich nirgendwo zur Ruhe setzen“, sagt er nicht ohne Stolz. Preiswert lebt es sich in Sun City vor allem deshalb, weil die kinderlose Gemeinde keine Schulsteuern zahlt und damit bei der Grundsteuer fast sechzig Prozent spart. Außerhalb der Mauern, wo die Nation mit miserablen Bildungsstandards und schwachen Schulen zu kämpfen hat, ist diese Steuerbefreiung deshalb heftig umstritten.

Alte sind in ihrem Paradies versorgt

Zur Ruhe hat sich Hans Herrmann indes noch lange nicht gesetzt. Als der Buch- und Offsetdrucker vor sieben Jahren in Rente ging, konnte er es nicht ertragen, „nur herumzusitzen“. Heute ist er als Nachlassverwalter von Sun City sechs Tage in der Woche beschäftigt. Zu tun gibt es immer etwas: „Hier sterben ja jeden Tag Hunderte“, sagt er. „Na ja, sagen wir mal: zehn“, korrigiert ihn seine Frau.

Leben und Sterben ereignen sich hier weitgehend unbemerkt von der Welt draußen. Man kann dies als eine abgemilderte Dystopie von Harry Harrison betrachten: Die Alten sind in ihrem Paradies versorgt, während die Leistungsgeneration unbehelligt unter sich bleiben kann.

Recht auf Ruhe

Längst würden auch auf Raucher, Untervierzigjährige oder Frauen beschränkte Nischengemeinden die amerikanischen Vorstädte umranken. Doch der sogenannte „Fair Housing Act“ von 1968 verbietet die Diskriminierung Wohnungssuchender aufgrund von Alter, Rasse, Geschlecht, Religion oder Familienstand. Für die Senioren wurde eine Ausnahme gemacht. Sie sollten, fand der amerikanische Gesetzgeber, ihr Recht auf Ruhe geltend machen können.

Doch inzwischen haben Amerikas Vorstadtplaner bemerkt, dass die Abspaltung ganzer Generationen aus der Gesellschaft Probleme aufwirft. In Florence bei Phoenix haben deshalb clevere Bauherren ein Seniorendorf und eine Familienstadt nebeneinander in den Wüstensand gesetzt, um den Generationen bei gegenseitigen Besuchen lange Fahrtzeiten zu ersparen. Für „eine Multi-Generations-Gemeinde mit Kleinstadt-Gefühl“ wirbt der Katalog - was nichts anderes ist als die Neuentdeckung der Wirklichkeit.

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