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Kunst : Selbststilisierung und Selbsterkenntnis

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          4 Min.

          Von Michael Hierholzer

          Kunst, die diesen Namen verdient, hat im 20. Jahrhundert neben vielen anderen traditionellen Aufgaben der Malerei und Plastik auch die Arbeit am Menschenbild hintangestellt. Greifbar blieb es vor allem in der Destruktion des herkömmlichen Bildnisses, in Zersplitterung, Multiperspektivität, Auflösung. Max Beckmanns Porträtkunst ist eine der großen Ausnahmen. Im Prinzip behält das Antlitz in den Werken dieses großen figurativen Malers seine Integrität, die Gestalt bleibt unversehrt, und die stilistischen Anleihen reichen von der Gotik mit ihrer Darstellung überlängter Finger bis zum Manierismus mit seinen bis dahin ungewöhnlichen Körperhaltungen. Realistische Glätte, die ihn Mitte der zwanziger Jahre ins Umfeld der Neuen Sachlichkeit rückte, oder ein offensichtlich an Picasso orientierter Klassizismus finden sich in den Porträts und Selbstporträts ebenso wie die symbolträchtigen und farbenfrohen Außenansichten von Seelenlandschaften, für die seine zweite Frau, Mathilde von Kaulbach, genannt Quappi, allzeit das Modell abgab.

          Beckmann hat keinen Bruch mit der Tradition der Porträtmalerei vollzogen, er hat eine Formsprache für sie gefunden, die ihn zu einem der bedeutendsten Porträtisten des 20. Jahrhunderts gemacht hat. Wenn nicht zum wichtigsten überhaupt. Da verwundert es, dass es lange keine Ausstellung gegeben hat, die sich auf die Porträtkunst konzentrierte. Zuletzt hatte Klaus Gallwitz, der spätere Direktor des Frankfurter Städel-Museums und ein ausgewiesener Kenner des Beckmannschen Werks, 1963 im Badischen Kunstverein in Karlsruhe eine Schau mit Bildnissen des modernen Altmeisters gezeigt. Jetzt präsentiert das Museum der bildenden Künste in Leipzig die Ausstellung "Max Beckmann. Von Angesicht zu Angesicht" mit 58 Gemälden und etwa 160 vorbereitenden Studien und Skizzen nebst druckgraphischen Blättern. Das Haus setzt die Porträtkunst Beckmanns in Beziehung zu zwei zeitgenössischen Künstlern, die sich jeweils auf ihn beziehen und das Genre der Porträtmalerei in der Gegenwart weiterführen: Marlene Dumas und Alex Katz. Hatte Beckmann Quappi zur Universalprotagonistin erkoren, so Katz seine Frau Ada.

          In Leipzig eröffnet sich ein mit der Biographie Beckmanns verknüpftes Who's who: Frauen, Freunde, Fremde, Händler, Urtypen. Die Ausstellungsmacher haben sich akribisch bemüht, die dargestellten Personen zu identifizieren und bieten auch manche neue These an, mit der sich die kunstwissenschaftliche Forschung künftig abplagen mag. So erkannten sie etwa in dem Doppelporträt von Quappi und einem Inder den Theosophen Jiddu Krishnamurti, der in esoterischen Kreisen der zwanziger Jahre hoch verehrt wurde. Das Bild aus dem Jahr 1941 könnte allerdings auch den Idealtypus eines indischen Mannes darstellen, denn zu dieser Zeit hat sich Beckmann auch anderer "Nationaltypen" angenommen. So changieren viele Darstellungen von Personen zwischen Individualität und Ideal, momentaner Befindlichkeit eines Einzelnen und der Verbildlichung einer Emotion als solcher, eines ins Allgemeine gekehrten Affekts. Wobei die Maskerade von zentraler Bedeutung ist: als Ausdruck von Wünschen und Bedürfnissen, die im Alltag verborgen bleiben. Beckmann malte immer wieder Fastnachtsszenen, wobei diese sich allerdings im Wesentlichen auf Künstlerfeste beschränkten, auf Menschen in Verkleidung, er selbst posiert etwa im Affenkostüm.

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