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Selbstmordrate in Japan : Blaues Licht für bessere Stimmung

  • -Aktualisiert am
Blaue LED-Strahler sollen die Stimmung verbessern und Gefährdete vom Sprung abhalten
          4 Min.

          Für die Millionen, die in Tokio mit U- und S-Bahnen zur Arbeit fahren, gehören die Fahrtverzögerungen fast schon zum Alltag. Wenn die Anzeige „Es hat einen Unfall mit Personen gegeben“ auf den Tafeln erscheint, stehen Züge still oder kommen zu spät. Menschenmassen drängen sich auf den Bahnsteigen und an den Zugängen. Bahnbedienstete geben Auskunft über Ausweichstrecken und verteilen Freifahrkarten als Entschädigung. Unbewegt nehmen die Pendler die Kunde von Verspätungen und Umleitungen entgegen. Sie wissen, dass sich wieder ein Mensch vor einen Zug geworfen hat.

          Im dichten und wohlorganisierten Schnellbahnsystem des Großraums Tokio/Yokohama trifft es schnell Hunderttausende, wenn es an einer Stelle im Netz einen Unfall gibt. Im vergangenen Jahr haben sich in Japan fast 2000 Menschen das Leben genommen, indem sie sich vor einen Zug warfen. Japan ist das Industrieland mit der höchsten Suizidrate der Welt. Etwa 30 000 Menschen nehmen sich jedes Jahr das Leben, das sind 23 pro 100.000 Einwohner. In Deutschland waren es im Vergleichsjahr 2004 nur 13 je 100.000.

          Im März und im April gibt es die meisten Suizide

          Das Problem wird als so ernst angesehen, dass Japan sich im Jahr 2006 ein Gesetz zur Vorbeugung gegen Suizide gab und eine beim Kabinett angesiedelte Arbeitsgruppe von Fachleuten sich ständig mit dem Thema befasst. Es gibt einen „Tag des Lebens“ im Dezember, an dem in allen Medien über Suizidprävention gesprochen wird. Bald soll mit einer Hundert-Tage-Kampagne begonnen werden, denn im März und im April gibt es die meisten Suizide.

          Dann nämlich endet das alte und beginnt das neue Geschäfts- und Steuerjahr in Japan – es ist die Zeit von Zahlungsproblemen, Konkursen und Entlassungen. „Es gibt in Japan einen klaren Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Lage und der Zahl der Freitode“, sagt Yasuyuki Shimizu, der Begründer der Hilfsorganisation Lifelink in Tokio. Zwar gebe es immer vielfältige Motive für den Entschluss zum Suizid, doch in den meisten Fällen seien es wirtschaftliche Gründe, die am Anfang des privaten Niedergangs stehen.

          Nach Erhebungen von Lifelink waren zwei Drittel der Menschen, die sich das Leben nahmen, arbeitslos – entweder entlassen oder als Unternehmer gescheitert. Typisch sei eine Kette von Arbeitslosigkeit, Armut, Verschuldung und Verzweiflung, die zum Freitod führt. Wenn die gesamtwirtschaftliche Lage schlecht ist, gibt es auch mehr Suizide.

          Beschäftigung auf Zeit ist ein neues Phänomen

          Die Suizidkurve, die Shimizu für die vergangenen 20 Jahre aufgezeichnet hat, bildet denn auch die Wirtschaftslage mit ab. Von 1978 bis 1997 lag die Zahl der Freitode gleichbleibend bei etwa 20.000 im Jahr. Dann, im März 1998, wurde ein plötzlicher Anstieg von 10.000 Fällen verzeichnet. Damals war Wirtschaftskrise, und viele Unternehmen gingen bankrott oder mussten Arbeiter entlassen. Seither bleibt die Zahl auf hohem Niveau bei mehr als 30.000, mit einer Höchstzahl im Jahr 2003. Im Jahr 2008, so berichtet Shimizu, sei die Zahl zunächst endlich wieder etwas zurückgegangen, doch dann kam im September der „Lehman-Schock“, die Finanzkrise, mit Entlassungen und Pleiten – die Arbeitslosenquote erreichte im Juli 2009 einen Höchststand von 5,7 Prozent, die Freitodzahlen schnellten wieder nach oben.

          „Wir brauchen dringend ein besseres soziales Netz. Unsere soziale Sicherung ist lange nicht so gut wie etwa in Deutschland“, sagt Shimizu, der sich seit mehreren Jahren mit seiner privaten Organisation hauptamtlich um die Suizidprävention bemüht. Besonders prekär ist die Lage der Zeitarbeiter. Beschäftigung auf Zeit ist ein recht neues Phänomen in Japan, wo jeder bis in die neunziger Jahre mit einer lebenslangen Anstellung rechnen konnte. Die neuen Zeitarbeiter haben keinen Anspruch auf betriebliche Sozialleistungen. Weil sie oft in Betriebswohnungen leben, verlieren sie mit der Arbeit auch ihre Unterkunft und damit ihre Kontakte. Sozialer Abstieg und Hoffnungslosigkeit sind nicht mehr fern. Shimizu, der als Journalist zum ersten Mal mit dem Suizidthema in Berührung kam, war angerührt von dem Leid der Hinterbliebenen, besonders der Kinder, die ihre Väter verloren haben.

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