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Segelflug-WM : Auf Kumuluswolke sieben

Unter den Wolken Bild: AP

Lautlos durch die Lüfte, getragen vom Wind: Bei der WM im Segelfliegen kämpfen 129 Teilnehmer um den Titel im Luftrennen - immer auf der Suche nach der besten Wolkenstraße. Und danach wird gemeinsam gegrillt.

          5 Min.

          Michael Sommer lehnt an der linken Tragfläche seines Segelflugzeugs, guckt in den Himmel und schüttelt den Kopf. „Das Problem ist das inhomogene Wetter.“ Immer wieder ist der Start an diesem sechsten Wettkampftag verschoben worden. Es sah nach Regen aus, und der ist schlecht fürs Segelfliegen. Doch jetzt kommt die Sonne durch, und die ersten Flugzeuge werden nach oben gezogen. Wie große Hummeln surren die gelb-blauen und rot-weißen Schleppflugzeuge, nehmen einen nach dem anderen der 129 wartenden Segelflugzeuge an die Leine, schleppen sie auf 600 Meter Höhe, fliegen eine halbe Runde um den Platz, landen, und schon ist der Nächste dran.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Sommer wartet im Mittelfeld. Vor seinem Flugzeug liegen drei Flaschen Wasser und zwei Bananen, die Bordverpflegung für die nächsten drei bis vier Stunden. Da sie erst mittags starten können, ist die Tagesaufgabe gelockert worden. In drei Stunden Flugzeit müssen sie so viele Kilometer wie möglich schaffen, können aber die Wendepunkte auf der vorgegebenen Strecke flexibel wählen. Sommer liegt diese Aufgabenart. „Ich mag das Kalkül, die Chance, so viele Kilometer wie möglich rauszuholen, das Risiko, nicht bis zum Flugplatz zurückzukommen.“

          „Es ist ein Luftrennen“

          Michael Sommer ist 35 Jahre alt, kommt aus Unterfranken und saß mit 14 Jahren zum ersten Mal in einem Segelflugzeug. Heute ist er Titelverteidiger in der Offenen Klasse, der Formel-1 beim Segelfliegen. „Es ist ein Luftrennen“, sagt er. Andere sprechen von „Luft-Schach“. Segelfliegen ist ein Sport, der im Kopf entschieden wird, bei dem Wetterkenntnis und schnelle Entscheidungen für den Sieg bedeutsam sind. Für die WM konnte Sommer jedoch kaum trainieren. Er arbeitet in Australien, und dort ist Winter.

          Die Segelflieger werden auf den Start vorbereitet
          Die Segelflieger werden auf den Start vorbereitet : Bild: AP

          „Da drüben sind klasse Kumuluswolken“, sagt Sommers Startnachbar Holger Karow, der 1999 und 2003 die WM gewann. „Oben bauchig bis blumig, aber unten eine klare Kante, das gibt gute Thermik.“ Der Aufwind ist der Treibstoff für die Segelflieger. Hier im Fläming, im Südwesten Brandenburgs, herrschen dafür beste Bedingungen. Der Sandboden reflektiert besonders gut die Sonnenstrahlung, die Kumuluswolken zeigen die aufsteigende Warmluft. An ihnen orientieren sich die Segelflieger. Blauer Himmel allein ist nichts für sie. Ohne Wolken würden sie blind durch die Gegend fliegen.

          Auf der Suche nach der schnellsten „Wolkenstraße“

          Trotz der guten Wolkenlage ist Holger Karow angespannt. Die ersten zwei Flugtage liefen nicht so gut. „Ich habe nur kurze, zerrissene Aufwinde erwischt und war dadurch am Ende zu langsam.“ Derzeit liegt er auf Platz zehn. Michael Sommer dagegen fliegt im Team mit Tassilo Bode aus Wolfsburg. Zu zweit, hoffen sie, haben sie eine größere Chance, die schnellste „Wolkenstraße“ zu finden. Bislang lief das gut. Sommer liegt auf Platz 2, Bode auf Platz 4 im Gesamtklassement.

          Jetzt ist die Wiese vor ihnen endlich frei. Die Deutschen verzichten auf das Schleppflugzeug und starten mit einem Hilfsmotor, den sie in 600 Meter Höhe einklappen. Es klingt wie bei einem Rasenmäher-Wettrennen. Benzingestank liegt in der Luft. Links und rechts der Flugzeuge rennen Helfer mit und halten die Tragflächen, die sonst auf dem Boden schleifen würden. Schon nach wenigen Metern aber haben sie Auftrieb, nach 150 Metern heben die Flugzeuge ab. Die Tragflächen biegen sich wie ein elegantes, weißes V vor den grauen Wolken und sind schon bald nicht mehr zu sehen.

          Kaum Zuschauer, keine Sponsoren

          Genau das ist aber auch das Problem des Segelflugsports. Außer Start und Landung gibt es nicht viel zu sehen. Deshalb kommen nach Lüsse kaum Zuschauer, von Sponsoren zu schweigen. Die Lufthansa hat zwar die Schirmherrschaft übernommen – die Weltmeisterschaften aber werden größtenteils ehrenamtlich organisiert. So schmeißt der Küchenchef des Berliner Interconti-Hotels auf dem Flugplatz die Kantine, und ein Kunststudent aus Münster dreht Wettkampffilme für die Dokumentation im Internet.

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