https://www.faz.net/-gum-7qge8

Seehunde an der Nordsee : Auf der Sandbank wird es eng

  • -Aktualisiert am

Nordsee-Attraktion: Einer von fast 40.000 Seehunden im dänischen, deutschen und niederländischen Wattenmeer Bild: Carl-Albrecht von Treuenfels

Die Seehund-Bestände an der Nordsee haben sich gut erholt. Inzwischen liegt ihre Population sogar auf Rekordniveau. Von einer ungehemmten Fortpflanzung kann trotzdem keine Rede sein – zu widrig sind die Bedingungen am Wattenmeer.

          4 Min.

          In den nächsten zwei Monaten müssen die Seehunde auf den Sandbänken im Wattenmeer der Nordseeküste zusammenrücken. Zwischen Anfang Juni und Mitte Juli gebären die Weibchen während der Ebbe auf den dann trockenen Flächen innerhalb weniger Stunden ihr Junges, gelegentlich sind es auch zwei. Zum Ausruhen bleiben den Robbenmüttern und ihrem Nachwuchs aber nur wenige Stunden Zeit. Denn mit der Flut verschwinden die Sandbänke zwischen den Inseln und Halligen unter Wasser, und die Tiere müssen schwimmen.

          Die Seehund-Säuglinge sind dafür gut ausgerüstet: Sie kommen schon mit Fell zur Welt, das ihren etwa 80 Zentimeter langen und sieben bis zwölf Kilogramm leichten Körper vor Kälte schützt. Im engen Kontakt zur Mutter verbringen sie die Zeit des Hochwassers in der Nähe der überfluteten Sandbänke, auf die sie schnell zurückkehren, sobald sie bei ablaufendem Küstenwasser wieder sichtbar werden.

          Menschenscheu abgelegt

          Je näher die Sandbank der Küste ist, umso länger dauert die Liegezeit. Noch wichtiger als zum Ausruhen ist der feste Untergrund fürs Säugen. Dreimal pro Ruhepause stillt das Junge seinen Hunger mit der Muttermilch. Dank einem Fettgehalt von 45 Prozent wächst das Junge im Vergleich zu anderen Wildtieren schnell: Im ersten Lebensmonat verdreifacht sich sein Gewicht. Wenn die Säugezeit nach vier bis sechs Wochen endet, wiegt ein junger Seehund schon zwischen 25 und 40Kilogramm. Doch es dauert mehr als ein Jahr, bis er ausgewachsen ist. Weibchen werden 120 bis 170 Zentimeter lang und wiegen zwischen 45 und 80 Kilogramm, Bullen bringen es auf eine Körperlänge von knapp zwei Metern und auf ein Gewicht von mehr als 100 Kilogramm.

          Eine Fahrt zu den Seehundbänken mit einem Ausflugschiff oder einem Krabbenkutter gehört zu den Höhepunkten des Nordseeurlaubs. Seitdem im Jahr 1971 in Niedersachsen und 1974 in Schleswig-Holstein die Bejagung der Seehunde eingestellt wurde und es die drei Wattenmeer-Nationalparks als Unesco-Welterbe mit vielen Schutzzonen gibt, ist die Scheu der Seehunde vor Menschen geringer geworden. So können die Schiffe nah an den Liegeplätzen vorbeigleiten – die Tiere wissen mittlerweile, dass ihnen keine Gefahr droht. Zur Zeit der Jungenaufzucht aber muss man viel Abstand zu den ruhenden Seehunden halten, denn die Mütter reagieren dann empfindlicher auf Störungen.

          Anwachsende Population

          In jedem Jahr werden in den beiden Seehundaufzuchtstationen an der deutschen Küste (im niedersächsischen Norden-Norddeich und im schleswig-holsteinischen Friedrichskoog) viele Heuler eingeliefert – also Seehundjunge im Alter bis zu zwei Wochen, die von den Weibchen nach einer von Menschen verursachten Störung verlassen werden und am Strand oder auf der Sandbank mit heulenden Tönen nach ihrer Mutter rufen. Mancher Junghund allerdings wird zu früh eingesammelt – ohne dass die Mutter eine Chance bekommt, ihn wieder in ihre Obhut zu nehmen.

          In den Stationen werden die Heuler gefüttert und versorgt, bis sie im Herbst ausgewildert werden. Die von der Jägerschaft mitfinanzierten Aufzuchtstationen haben in mehr als 40 Jahren und mit 3000 ausgewilderten Seehunden dazu beigetragen, den Bestand von „Phoca vitulina“ an der Nordseeküste zu stabilisieren. Schon sind die ersten Heuler dieses Jahres in Friedrichskoog und Norddeich von den amtlich anerkannten Seehundjägern eingeliefert worden. Nur die lizenzierten Jäger sind auch berechtigt, kranke und nicht überlebensfähige Tiere im Watt zu erschießen. Bleiben die Seehunde gesund und können sie sich mit Fischen, Krabben und Krebsen ernähren, können sie 40 Jahre alt werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.