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Schwimmende Brücke : Über diese Schiffe musst du gehen

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Dreischiffig über den Fluss: Die alte Brücke an der Wuppermündung im Rhein ist wieder da Bild: Schoepal, Edgar

Die Schiffsbrücke von Heinrich Gless war bis in die neunziger Jahre ein beliebtes Ausflugsziel, wurde aber durch einen Brand größtenteils zerstört. Nun wird die einzigartige Konstruktion in der ehemaligen Wuppermündung wieder flott gemacht.

          Einigkeit und Recht und Freiheit sind nicht nur des Glückes Unterpfand. Sie eignen sich auch ausgezeichnet für eine elegante Überbrückung. „Einigkeit“ und „Recht“ und „Freiheit“ heißen die drei Schiffe, die in Leverkusen, dort, wo die Wupper in den Rhein mündet, viele Jahre lang als schwimmende Tragpfeiler einer erstaunlichen Konstruktion dienten.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Wer zu Fuß oder mit dem Rad auf kürzestem Weg über die Wupper wollte, nahm die Schiffsbrücke von Heinrich Gless. Der Fährmann hatte in den zwanziger Jahren die Rechte für die Überquerung der Wuppermündung bekommen. Gless baute zunächst eine Steganlage aus offenen Holzbooten, für die er bis 1938 Brückenzoll erheben durfte. Fünf Pfennig kostete die Querung für Fußgänger, zehn Pfennig für Radfahrer. Es war ein einträgliches Geschäft. Täglich mussten Hunderte Arbeiter über die Wupper, seit die Firma Bayer aus Barmen ein zusätzliches Werk im heutigen Leverkusen gebaut hatte.

          Schiffe als Tragpfeiler

          Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft im Jahr 1946 musste Gless in der Wuppermündung noch einmal von vorn anfangen. Kurz vor Kriegsende war seine schwimmende Brücke gesprengt worden. Aus Pontons und anderem Material aus Wehrmachtsbeständen baute Heinrich Gless eine neue Wupperquerung. Als sie zehn Jahre später durch ein Hochwasser abgetrieben und schwer beschädigt wurde, kaufte sich Gless zunächst zwei alte Plattenbodenschiffe für eine stabilere und dauerhaftere Konstruktion: die „Einigkeit“ und die „Freiheit“; 1967 kam dann noch der Aalschocker „Recht“ dazu.

          Das Gesamtkunstwerk mit dem staatstragenden Namen wurde damals zu einer Attraktion. „An Wochenenden oder wenn Besuch kam, gingen wir immer gern ans Wasser. Die Schiffsbrücke war ein beliebtes Ausflugsziel“, erinnert sich Gabriele Pelzer. Der pfiffige Geschäftsmann Gless besaß eine Schankerlaubnis. Im Gastraum, den er auf einem der Schiffe eingerichtet hatte, gab es auch Hochprozentiges wie das „Wupperwasser“ oder den Magenbitter „Nixenblut“.

          Über die Wupper: Heinrich Gless (links) an seiner Brücke

          Nur ein paar Jahre später verlor die Steganlage an Bedeutung. Weil eine Deponie ausgebaut werden sollte, wurde die Wuppermündung um einige hundert Meter verlegt. Beinahe wäre der Schiffsbrücke das Wasser abgegraben worden. Doch dann blieb ein Stück des alten Flussbetts als Seitenarm des Rheins erhalten. Auch nach dem Tod von Heinrich Gless im Jahr 1974 war die Brücke ein beliebtes Ausflugsziel.

          Zumindest bis 1992. Damals zerstörte ein Brand große Teile der Aufbauten der „Recht“. Zwei Jahre später, an Weiberfastnacht 1994, legten Unbekannte an Bord der „Freiheit“ Feuer, sie drohte zu kentern und dabei gegen die „Einigkeit“ zu fallen. Die Feuerwehr konnte das verhindern. Doch im Sommer desselben Jahres kam dann die nächste Hiobsbotschaft: Die „Einigkeit“ strandete und befand sich seither in prekärer Schieflage. Einigkeit und Recht und Freiheit waren nur noch ein einziges Kuddelmuddel.

          „Ein jämmerliches Bild“

          Karl Lange erinnert sich mit Grausen an damals: „Es war ein jämmerliches Bild. Die Schiffe, die schon 1983 in die Denkmalliste der Stadt Leverkusen aufgenommen worden waren, sahen fürchterlich aus.“ Lange, der damals noch als Anlagenbauer bei einem Pharmakonzern tätig war, fand, dass es Zeit war einzugreifen. Zusammen mit Gabriele Pelzer gründete er den „Förderverein Schiffsbrücke Wuppermündung“.

          Mit etwa 40 Mitstreitern machten sie sich an die Rettung des erstaunlichen Bauwerks. Es war ein mühsames Ringen, weil immer wieder Geldgeber wie das Land Nordrhein-Westfalen, die NRW-Stiftung oder die Stiftung Denkmalschutz überzeugt werden mussten. Ende 1997 konnten die drei Schiffe über den Rhein zu einer Werft in den Niederlanden geschleppt werden, wo sie nach und nach bis 2003 grundsaniert wurden.

          Ihre Rückkehr verzögerte sich immer wieder. Zwei Dalben mussten in den Boden getrieben werden, an denen die Schiffsbrücke links und rechts so festgemacht werden kann, dass sie auch von einem Jahrhunderthochwasser nicht davongetragen wird. Erst im Januar 2012 waren die Dalben eingerammt. Hunderte Stunden verbrachten Maschinenbauer Lange und seine Vereinsfreunde danach damit, die „Recht“ und die „Freiheit“ auszubauen. „So etwas macht man nur einmal im Leben“, sagt Lange.

          Eine besondere Herausforderung war, eine flexible Gaszuführung zu entwickeln. „Sie würde wegen des dauernd wechselnden Wasserstands ja sonst abreißen.“ Am Ostersonntag hat der Förderverein die einzige deutsche Schiffsbrücke wieder offiziell in Betrieb genommen – mit einem kleinen Schönheitsfehler. Die „Recht“ und die „Freiheit“ führen schon wieder über die Wupper, die „Einigkeit“ fehlt aber noch in Leverkusen.

          Ihren Platz hat ein neu gebauter Ponton übernommen, der den Vorteil hat, dass man in ihm ohne größere Schwierigkeiten auch Toiletten, einen Stromgenerator und eine Heizung unterbringen konnte. Zudem soll an dem Ponton die „Einigkeit“ festmachen, wenn sie wieder in die alte Wuppermündung zurückkehrt. Sie soll mobil bleiben und für Fahrten auf dem Rhein genutzt werden. Einstweilen liegt sie aber noch in Duisburg-Ruhrort. „Uns fehlt noch das Geld für den Ausbau“, sagt Lange.  „Gut eine Million Euro müssen wir dafür noch zusammenbekommen.“

          Wie früher bei Heinrich Gless gibt es auch wieder einen kleinen Kiosk auf der Schiffsbrücke. Er wird nun von der Diakonie als Beschäftigungsprojekt für Menschen betrieben, die wegen ihres Alters, einer Behinderung oder einer Erkrankung keine Chance haben, auf dem freien Markt einen Arbeitsplatz zu finden. „Wupperwasser“ oder „Nixenblut“ stehen heute nicht mehr auf der Karte. Dafür gibt es „Schiffsjungen“ das sind Würstchen mit Brot, oder „Seemänner“, das sind Frikadellen mit Brot.

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