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Schweinegrippe : Die Pandemie steht kurz bevor

Hühnereier werden mit dem Schweinegrippe-Virus H1N1 infiziert und bei 37 Grad inkubiert, um einen Impfstoff zu erforschen. Bild: ddp

Ruft die Weltgesundheitsorganisation die Pandemiestufe sechs aus, muss der Schweinegrippe-Impfstoff hergestellt werden - eine medizinische Notwendigkeit mit Folgen. Noch werden die Kapazitäten für die Produktion des Influenza-Impfstoffes benötigt.

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          Der Erreger der Schweinegrippe hat inzwischen alle Kontinente erreicht. Erstmals wurde am Dienstag ein Fall in Afrika bekannt: Erkrankt ist ein zwölf Jahre altes Mädchen, das aus den Vereinigten Staaten nach Kairo zurückgekehrt war. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Zahl der Schweinegrippefälle auf rund 19.300 in 66 Ländern gestiegen (Daten vom Mittwoch), 117 Personen starben bislang an dem Virus A/H1N1. Derzeit verlaufen die meisten Fälle mild, der Erreger ist nicht besonders tödlich.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          An der saisonalen Grippe sterben allein in Deutschland jeden Winter mindestens 5000 Menschen, auf der ganzen Welt bis zu einer halben Million. Und auch wenn die Fachleute befürchten, dass sich das Schweinegrippevirus gefährlich verändern und dann - etwa in Afrika, wo viele Millionen Menschen durch Aids und andere Infektionskrankheiten massiv geschwächt sind - Tausende Todesopfer fordern könnte, so will die WHO doch eine Panik um jeden Preis vermeiden.

          Es gilt abzuwägen. Kein Fachmann zweifelt daran, dass die "Neue Grippe", die ihren Ursprung vor einigen Monaten in Mexiko hatte, schon in Kürze auch offiziell zu einer Pandemie wird. Noch zögert die WHO zwar, doch sobald sich das Virus in zwei Großregionen (am wahrscheinlichsten in Nordamerika und Europa) gehäuft und massiert von Mensch zu Mensch überträgt, also nicht mehr überwiegend nur durch erkrankte Flugreisende in einzelne Länder eingeschleppt wird, muss die Organisation die Pandemiestufe sechs erklären. Danach wäre sie auch gezwungen, einen entsprechenden Impfstoff herstellen zu lassen.

          Die Grafik erklärt, wie der Impfstoff hergestellt wird.

          Medizinische Notwendigkeit mit katastrophalen Folgen

          Im April und Mai hätte diese medizinische Notwendigkeit katastrophale Folgen gehabt: Denn die Kapazitäten bei der Produktion von Influenza-Impfstoff sind begrenzt, da das Virus noch immer fast ausschließlich - so wie in Deutschland - in bebrüteten Hühnereiern vermehrt werden muss. Bis in den Sommer hinein wird alljährlich die dringend benötigte Vakzine für die saisonale Influenza hergestellt, für die jeweilige Wintergrippe auf der Nordhalbkugel. Nun aber ist die Produktion, wie es beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen, dem deutschen Bundesamt für Sera und Impfstoffe heißt, schon sehr weit fortgeschritten. In wenigen Tagen müsste die Erzeugung der 25 Millionen Impfstoffdosen, die in Deutschland von September an ausgeliefert werden, abgeschlossen sein.

          Die Herstellung des pandemischen Influenza-Impfstoffs (in diesem Fall für den Einsatz gegen H1N1) ist dann nur noch eine Frage der Zeit. Die WHO hat bereits vergangene Woche probehalber drei sogenannte Saatviren an Impfstoffhersteller verschickt. Nach ihrer Anzucht müssten die entsprechenden Varianten nur noch in die schon vorliegenden pandemischen Vakzinen eingebaut werden. Eine monatelange behördliche Zulassung kann so vermieden werden. Auch der saisonale Grippeimpfstoff, der aus jeweils drei verschiedenen Virenstämmen besteht, wird jedes Jahr einfach nur neu zusammengesetzt - im Spätsommer dann aber auch immer noch klinischen Studien unterzogen.

          Obama fordert insgesamt 3,5 Milliarden Dollar

          Bereits nach dem Ausbruch der Vogelgrippe (Erreger H5N1) haben die Unternehmen Baxter, GlaxoSmithKline und Novartis vier pandemische Influenza-Impfstoffe (mit den Bezeichnungen Celvapan, Daronrix, Focetria, Pandemrix) entwickelt. In sie kann auch ein Saatvirus der Variante H1N1 eingefügt werden. Die Produktion dürfte nicht länger als zehn bis zwölf Wochen dauern, der Impfstoff könnte im September vorliegen, heißt es bei Novartis.

          Die Vereinigten Staaten mit inzwischen mehr als 10.000 Schweinegrippefällen und bislang 17 Toten haben sich schon für den Ernstfall gewappnet: Am Dienstag forderte Präsident Barack Obama noch einmal zwei Milliarden Dollar (und damit insgesamt 3,5 Milliarden Dollar) vom Kongress, um sein Land auf eine H1N1-Pandemie vorzubereiten. Der stellvertretende Generaldirektor der WHO, Keiji Fukuda, äußert sich indes vorsichtig: Noch befände man sich "in der Frühphase der Pandemie". Der Erreger müsse zunächst weiter beobachtet werden. Züchtet man jetzt das falsche Saatvirus heran, ist der Impfstoff im Herbst vielleicht wirkungslos, weil der Erreger sich längst verändert hat. Zudem darf die WHO die Produktion des saisonalen Grippeimpfstoffs für die Südhalbkugel nicht aus den Augen verlieren, die schon bald für den Winter in zwölf Monaten beginnen muss.

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