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Schweinegrippe : Aktionismus gegen die Krankheit

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Mehr als 1000 Menschen auf der ganzen Welt haben sich mittlerweile mit der Schweinegrippe infiziert. Während in Mexiko der Grippehöhepunkt überschritten scheint, überlegt man bei der Weltgesundheitsorganisation, die höchste Pandemie-Warnstufe auszurufen.

          Im Juli 1918 schrieben Mediziner in einem Artikel in der britischen Fachzeitschrift „The Lancet“, bei der grassierenden Epidemie handele es sich womöglich gar nicht um eine Grippe, weil der Verlauf so kurz und meist auch sehr mild verlaufen sei. Sie ahnten nach den ersten Grippefällen im Frühjahr nicht, was noch kommen würde.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Und auch die sogenannte Schweinegrippe breitet sich nun fast genau zur selben Jahreszeit auf der Nördlichen Halbkugel aus, obwohl die normale Influenzasaison gerade zu Ende gegangen ist. Nicht der Vitaminmangel im Winter, eine schlechtere Immunabwehr oder überheizte Räume sind dafür verantwortlich, dass die Grippeviren in unseren Breiten zwischen November und März besonders stark zirkulieren.

          Die Erreger bevorzugen einfach kalte und trockene Luft. Bei einer Luftfeuchtigkeit von mehr als 80 Prozent und einer Temperatur von 30 Grad findet hingegen keine Virusübertragung mehr statt.

          Ein Bündnis linker Gruppen demonstrierte am vergangenen Freitag in Berlin-Köpenick gegen eine Kundgebung der rechtsextremen NPD

          Weniger Tote bedeuten nicht das Ende der Grippe

          Am Montag warnte die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Margaret Chan, vor einer zweiten, heftigeren Welle der Mexikanischen Grippe. Schon die Spanische Grippe war im Herbst mit einer zweiten Welle hereingebrochen und hatte Millionen Tote gefordert.

          Chan sagte der „Financial Times“, der scheinbare Rückgang der Sterblichkeitsrate bedeute nicht, dass die Grippewelle zu Ende gehe. „Wir hoffen zwar, dass das Virus sich totläuft.“ Doch könne eine zweite Welle jederzeit „mit aller Macht“ zuschlagen. Wenn das geschehe, „steht uns ein großer Ausbruch bevor“. Fachleute bezweifeln aber, ob es überhaupt schon eine erste Welle gegeben hat.

          Die Reaktionen auf die Neue Grippe, wie sie offiziell inzwischen genannt wird, wirken bisweilen geradezu hysterisch. Dass in Ägypten alle Schweine gekeult werden, ist kaum ein Pandemieschutz, sondern hat höchstens hygienische oder religiionspolitische Gründe. Und dass in Hongkong Hunderte Menschen unter Quarantäne gestellt werden, ist Aktionismus.

          China hat 70 Mexikaner in eine Isolierstation gebracht

          Am Freitag war der erste Schweinegrippe-Fall in China bekannt geworden. Die Behörden ließen alle Mexiko-Flüge aussetzen und schotteten das Hotel in Hongkong, in dem der erkrankte Tourist aus Mexiko abgestiegen war, mit seinen 350 Gästen für sieben Tage von der Außenwelt ab. Unter den Eingesperrten sind auch Reisende, die erst 24 Stunden nach dem Abtransport des Erkrankten in Hongkong ankamen. China hat sogar mehr als 70 Mexikaner auf eine Isolierstation gebracht, obwohl keiner von ihnen Symptome einer Grippe zeigt.

          Deutschland, so heißt es, sei gut auf eine Pandemie vorbereitet. Unter anderem gibt es Pläne für den Ernstfall – und nicht nur bei den Bundesministerien und dem Robert-Koch-Institut (RKI). Fast alle nachgeordneten Behörden, die Einrichtungen des Bevölkerungsschutzes (Feuerwehren, Technisches Hilfswerk), der polizeilichen Gefahrenabwehr (Polizeien des Bundes und der Länder) sowie sogar große Unternehmen (Flughäfen und Fluggesellschaften wie die Lufthansa) haben Pandemiepläne in ihren Schubladen.

          Bevölkerungsschutz steht „Gewehr bei Fuß“

          Das 2004 wieder errichtete Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat im November 2007 mit 3000 Beteiligten von Bund und Ländern eine mögliche Pandemielage erfolgreich geübt, wie der Präsident des Hauses, Christoph Unger, berichtet. Bei der Übung Lükex (Länderübergreifendes Krisenmanagement Exercise) war man von einem mittelschweren Szenario ausgegangen: 27 Millionen Erkrankte, 13 Millionen zusätzliche Arztbesuche, 307 000 stationäre Patienten, 102 000 Todesfälle – in einem Zeitraum von acht Wochen.

          „Derzeit“, sagt Unger, „haben wir keine Lage, in der der Bevölkerungsschutz eine wesentliche Rolle übernehmen müsste.“ Selbst wenn die WHO die Pandemiephase 6 erklären würde, ändere sich vorläufig an der Situation in Deutschland nichts. Im Ernstfall aber könnten natürlich auch Großveranstaltungen verboten, ganze Hotels unter Quarantäne gestellt, Schulen geschlossen werden. Doch soweit ist man noch lange nicht. Man stehe, heißt es, „Gewehr bei Fuß“.

          In Notlagen müssen zuerst Länder und Gemeinden ran

          Das BBK ist eine zentrale Einrichtung, die Übungen plant und eng mit Ländern und Gemeinden zusammenarbeitet. Allerdings gilt auch im Katastrophenfall das föderale Prinzip in Deutschland. Das Notfallvorsorge- und Hilfeleistungssystem beruht ganz wesentlich auf dem Prinzip der Subsidiarität.

          Die Zuständigkeit, die Verantwortung und die Mittel für die Bewältigung von Notlagen liegen in erster Linie bei den Ländern und Gemeinden. Der Bund unterstützt die Bemühungen nur bei besonders großflächigen Schadenslagen oder solchen von nationaler Bedeutung.

          Deutschland ist von einer Pandemielage noch weit entfernt. Aktionen wie der Einsatz von Wärmebildkameras an Flughäfen erscheint Fachleuten etwa vom RKI als nicht sinnvoll. Das Screening in den Zeiten von Sars habe gezeigt, dass schon eine Aspirin oder ein starkes Make-up für falsche Ergebnisse bei der Temperaturmessung sorgen kann.

          Und was soll mit den womöglich Tausenden angeblichen Grippe-Verdachtsfällen geschehen? So lange es einfacher ist, die wenigen Erkrankten und ihre möglichen Kontaktpersonen herauszufiltern und zu behandeln, denkt niemand daran, alle Mexiko-Reisenden zu durchleuchten. Noch nicht einmal von der Wirkung des Mundschutzes sind die Experten überzeugt: Er reduziere wohl höchstens geringfügig ein Ansteckungsrisiko, heißt es beim RKI. Zudem kann das Virus auch einfach, an den Atemschutzmasken vorbei, über die Augen eindringen.

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