https://www.faz.net/-gum-876m5

Shade balls : Diese Bällchen sollen Wasser sparen

  • -Aktualisiert am

Bild: Imago

Millionen von schwarzen Plastikbällen sollen die Folgen der Dürre in Kalifornien abwenden. Der Nutzen ist umstritten – doch der Bürgermeister von Los Angeles macht daraus seine eigene Dürre-Show.

          Der neuste Trend im dürregeplagten Kalifornien? Schattenbälle. Seit Eric Garcetti, der Bürgermeister von Los Angeles, vor zwei Wochen weitere 20.000 „shade balls“ in das Wasserreservoir der Stadt schütten ließ, werden die schwarzen Plastikbälle als preiswerter Verdunstungsschutz gefeiert.

          Im vierten Dürrejahr des Pazifikstaates sollen insgesamt 96 Millionen Kunststoffkugeln dabei helfen, die knappen Wasservorräte der Stadt mit vier Millionen Einwohnern unter der Wüstensonne vor dem Evaporieren zu bewahren.

          „Kaliforniens historische Dürre verlangt nach kühnem Einfallsreichtum, um mein Ziel des Wassersparens zu erreichen“, sagte Bürgermeister Garcetti, als er vor vielen Fernsehkameras die letzten 20.000 Polyethylen-Bälle in das Becken in Sylmar gleiten ließ. Wie ein schwarzer Film liegen die Bälle auf der Wasseroberfläche des etwa 710.000 Quadratmeter großen Reservoirs, das Los Angeles mit Trinkwasser versorgt.

          Bälle gegen Verdunstung

          Ganz so kühn und einfallsreich, wie der 44 Jahre alte Demokrat glauben machte, ist die Idee mit den etwa 240 Gramm schweren Kunststoffbällen aber nicht. Schon vor sieben Jahren entschloss sich der Energieversorger Los Angeles Department of Water and Power (LADWP), etwa 400.000 „shade balls“ auf dem Ivanhoe-Reservoir der Stadt treiben zu lassen.

          Damals hatten die Behörden eine beunruhigende Konzentration von Bromat, einem Karzinogen, das sich bei der Reaktion von Bromid und Chlor mit Sonnenlicht bildet, in den Wasservorräten entdeckt. Es folgten weitere Einsätze der Schattenbälle in den Staubecken Elysian Park und Upper Stone Canyon, die Bewohner der Innenstadt und an Los Angeles’ Westside mit Wasser versorgen.

          Die Idee, chemische Reaktionen durch Bälle zu verhindern, stammte damals von dem Biologen Brian White. Der bei der Wasserbehörde beschäftigte Wissenschaftler ließ sich von sogenannten Vogelbällen inspirieren, die seit etwa 15 Jahren an amerikanischen Flughäfen auf Tümpeln und Überlaufbecken liegen, um Zugvögel fernzuhalten.

          Wasser und Geld

          Nach Garcettis Rechnung lohnt sich der Einsatz der „shade balls“ auch in den Reservoiren. Für 34,5 Millionen Dollar sollen sie dort jedes Jahr das Verdunsten von etwa 1,2 Milliarden Liter Wasser verhindern – für etwa zehn Jahre, bis die Bälle auseinanderfallen und recycelt werden. „Die Investition spart den Kunden Millionen“, versprach der Bürgermeister. „Gleichzeitig schützt es die Qualität des Trinkwassers.“

          Andere Lösungen wie die Teilung der Staubecken durch Dämme, ihren Schutz durch Planen oder das Verlegen der Reservoirs unter die Erde hätten nach Garcettis Kalkulation mindestens 250 Millionen Dollar mehr gekostet. „Wenn auf diese Weise Wasser gespart werden soll, ist das eine sehr, sehr dumme Idee“, monierte das Magazin „LA Weekly“ und stellte ganz andere Berechnungen an.

          1,2 Milliarden Liter Wasser im Jahr kosteten etwa zwei Millionen Dollar. Die „shade balls“ hielten zehn Jahre: Für eine Investition in Höhe von 34,5 Millionen Dollar werde somit nur Wasser im Wert von 20 Millionen gespart. „Nicht mal die Wasserbehörde ist so dumm“, schimpfte die Zeitschrift und unterstellte Bürgermeister Garcetti Augenwischerei.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          „Das Ganze hat aber mit der Dürre nichts zu tun.“

          Der Demokrat habe nur versucht, sich nach dem Aufruf des Gouverneurs Jerry Brown zur Wasserrationierung mit den „shade balls“ in Szene zu setzen. Los Angeles verwende die schwarzen Bälle seit Jahren, um die Schadstoffhöchstgrenzen für Trinkwasser der amerikanischen Umweltbehörde (Epa) nicht zu verletzen.

          „Das Ganze hat aber mit der Dürre nichts zu tun“, wetterte „LA Weekly“. Auch Forscher wie Max Liboiron warnen vor Garcettis Optimismus. „Wenn Plastik ultraviolette Strahlen abhalten soll, schwarz ist oder besonders flexibel sein soll, muss man Monomere zusetzen. Diese reaktionsfähigen Moleküle können aber Stoffe abgeben“, schrieb die Amerikanerin in dem Blog „Discard Studies“.

          Der Hydrologe Soni Pradhanang fürchtet dagegen die Verunreinigung der südkalifornischen Wasservorräte. „Die schwarzen Bälle bilden eine Wärmedecke, auf der sich Bakterien vermehren können“, sagte der Wasserforscher an der University of Rhode Island der „Daily Mail“.

          Die Dürre-Denunzianten

          „Es geht also darum, die Schattenbälle sauber zu halten. Das ist eine echte Herausforderung.“ Die Pflege der „shade balls“ und deren Kosten klammerte Bürgermeister Garcetti bei seiner Rechnung aber aus. Als er vor zwei Wochen die letzten 20.000 Bälle in das Reservoir in Sylmar setzen ließ, deutete sein Stab nur an, die insgesamt 96 Millionen schwarzen Kugeln, die zum Teil mit Wasser gefüllt sind, „ab und zu“ wenden zu müssen.

          Kalifornier wie Tony Corcoran setzen im Kampf gegen Wasserverschwendung derweil auf sogenanntes „drought shaming“. Mehrmals in der Woche zieht der Mittvierziger durch die wohlhabenden Viertel an Los Angeles’ Westside, um Wasserfrevler aufzuspüren. Wer seinen Rasen vor dem Haus weiterhin üppig wässert oder die Sprinkleranlage zu oft anschaltet, läuft Gefahr, von Corcoran und seinen Mitstreitern angezeigt zu werden. „Manchmal stelle ich auch die Adresse der Leute ins Internet“, sagt Corcoran. „Bei Dürre sieht die ganze Welt genauer hin.“

          Weitere Themen

          Um Bushido wird es einsam

          Capital Bra verlässt Label : Um Bushido wird es einsam

          Erfolgsrapper Capital Bra hat angekündigt, das Label von Bushido zu verlassen. Damit verliert Bushido wohl auch den Rückhalt eines kriminellen Familienclans, der ihn nach seinem Streit mit dem Abou-Chaker-Clan beschützt hatte.

          Seniorin wieder aufgetaucht

          Nach vermeintlicher Entführung : Seniorin wieder aufgetaucht

          Die Polizei geht inzwischen davon aus, dass die Frau freiwillig in den beiden schwarzen Limousinen mitgefahren ist. Dennoch wirft der Fall Fragen auf. Zuvor wurde mit einer Großfahndung nach der 88 Jahre alten Dame gesucht.

          Topmeldungen

          Auf der Autobahn 81 dürfen Autofahrer auf einem Abschnitt in der Nähe von Herrenberg ohne Geschwindigkeitsbegrenzung fahren.

          Contra Tempolimit : Ein generelles Tempolimit bringt nichts

          Die Argumente für ein starres Tempolimit sind so schwach wie eh und je. Wahlweise heißt es, man müsse langsam fahren, um das Klima zu schützen oder Unfälle zu vermeiden. Bisweilen helfen Fakten. Ein Kommentar.

          Debatte über Fahrverbote : „Die Grenzwerte sind sogar noch zu hoch“

          In einer Stellungnahme halten mehr als hundert Lungenärzte die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid für zu niedrig. Sie argumentieren, dass dann ja alle Raucher tot umfallen müssten. Der Physiologe Holger Schulz hält dagegen: Das sei naiv.

          Davos : Im Privatjet zur Klimarettung

          Der Klimaschutz soll im Zentrum des Weltwirtschaftsforums stehen. Doch die Teilnehmer reisen mit so vielen Privatjets an wie noch nie. Eine junge Klimaaktivistin macht es anders – und braucht für ihre Reise mehrere Tage.
          Der verletzte Martin Strobel kann nur noch vom Krankenbett aus die Daumen drücken.

          Handball-WM : Strobels emotionale Botschaft aus dem Krankenbett

          Nach einer schweren Verletzung ist die Handball-WM für Martin Strobel beendet. Nun meldet er sich aus der Klinik. Vor dem Spiel gegen Spanien stellen sich für die Deutschen mit Blick aufs Halbfinale einige Fragen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.