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Schutz gefährdeter Meeresgebiete : Frischer Fisch auf dem Verhandlungstisch

  • -Aktualisiert am

Allein auf hoher See: Die Fischer wollen erst einmal nichts von einem Kompromiss wissen. Bild: dpa

Angesichts zunehmend bedrohter Meeresgebiete schlagen Umweltschützer Alarm. Das Ökolabel MSC will diese Gebiete besser schützen. Die Fischer sind dagegen – aber das könnte sich bald ändern.

          Zwischen den Schwämmen und Muscheln auf den Unterwasserfelsen vor der kanadischen Atlantikküste flitzen kleine Kabeljaus umher. Sie sind auf solche unübersichtlichen Unterwasserlandschaften angewiesen, weil sie sich dort gut vor gefräßigen größeren Fischen verstecken können.

          Zumindest in der Theorie ist das so. In der Praxis haben die kanadischen Fischer vor ihrer Küste bis 1992 so viele Kabeljaus gefangen, dass sich der Fang seither nicht mehr lohnt. Ein Fangstopp sollte den fast verschwundenen Beständen Zeit zur Erholung geben. Warum aber hat der Kabeljau diese Chance nicht genutzt, obwohl jedes Weibchen einige Millionen Eier im Jahr legen kann?

          Der Leiter des globalen Fischereiprogramms der Naturschutzorganisation WWF, Alfred Schumm, hat schon lange einen Verdacht: „Vielleicht werden ja die Kabeljau-Kinderstuben zunehmend zerstört, weil zum Beispiel Muschelfischer den Meeresboden mit Grundschleppnetzen umpflügen.“ Es kann Jahrzehnte dauern, bis an solchen Stellen wieder ein dichter Unterwasser-Dschungel aus Schwämmen wächst, in dem sich der Kabeljau-Nachwuchs verstecken kann.

          Skepsis bleibt

          Genau aus diesem Grund dringt der Meeresschützer auch darauf, von Oktober an in den neuen Standards des Marine Stewardship Council (MSC) solche empfindlichen Gebiete gut zu schützen. Das MSC ist das größte Ökolabel für nachhaltige Fischerei der Welt. Nur dann hätten nicht nur der Kabeljau, sondern auch viele andere Arten wieder eine Chance, die auf solche unübersichtlichen Lebensräume angewiesen sind.

          Das Insistieren des WWF scheint von Erfolg gekrönt. Bislang waren besonders empfindliche Meeresökosysteme, die im Naturschutz-Jargon als „VME“ für „vulnerable marine ecosystems“ abgekürzt werden, nicht erwähnt in den Richtlinien, die Fischer beachten müssen, wenn sie ihren Fang mit dem begehrten Ökolabel des MSC verkaufen wollen.

          „Ab Oktober aber werden die VMEs in den Standard aufgenommen, solche Gebiete sollten dann gemieden werden“, bestätigt Vivien Kudelka vom Berliner MSC-Büro. Damit scheint ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer nachhaltigen Fischerei beschlossen.

          Trotzdem bleibt WWF-Fischereispezialist Alfred Schumm ein wenig skeptisch. Schließlich verhandeln die Beteiligten seit rund 18 Monaten, wie die neuen Standards für das Ökolabel aussehen sollen. Auf der einen Seite sitzen die Naturschützer des WWF, ihnen gegenüber sind die Vertreter der Fischerei-Industrie. Als Schiedsrichter fungiert in der Mitte der MSC, der später auch kontrolliert, ob die beschlossenen Richtlinien eingehalten werden.

          Fischern geht der Kompromiss zu weit

          Bei besonders krassem Fehlverhalten kann der MSC einer Fischerei-Organisation das Ökolabel wieder entziehen. „Wir sitzen ja im gleichen Boot“, fasst Alfred Schumm die Lage zusammen: Die Naturschützer wollen, dass es den Weltmeeren gutgeht und die Ökosysteme boomen; davon aber profitieren auch die Fischer, weil sie volle Netze aus dem Wasser ziehen. Auf lange Sicht passen die Ziele also gut zusammen. Auf kurze Sicht gehen aber beide nicht unbedingt in die gleiche Richtung, denn die einen schützen eben die Natur, und die anderen müssen Gewinn machen, indem sie Fische, Muscheln und anderes aus der Natur holen. Hohe Schutzstandards kommen zwar auch den Fischern zugute – aber eben oft erst nach Jahrzehnten.

          Diplomaten wissen, dass es aus solchen Situationen nur einen Ausweg gibt: den Kompromiss, bei dem jeder seinen Verhandlungsspielraum ausreizt. „Genau das schien bei den MSC-Standard-Verhandlungen in den vergangenen 18 Monaten geglückt“, berichtet Alfred Schumm: Grundschleppnetze sollten Fischer mit MSC-Zertifikat aus allen VMEs verbannen, die besonders empfindlich sind und sich erst nach Jahrzehnten von solchen Eingriffen erholen. Im Gegenzug akzeptierten die Naturschützer, dass 20 Prozent dieser Gebiete von der Regelung ausgenommen werden. Dort könnten die Fischer also Muscheln und andere Fänge auch weiter vom Meeresgrund holen.

          Manchen Fischern aber scheint dieser Kompromiss zu weit zu gehen. Obwohl die Verhandlungsführer schon zugestimmt hatten, wollen die Fischer jetzt erst einmal nichts mehr davon wissen. Alfred Schumm, so enttäuscht er auch ist, hat die Hoffnung aber nicht aufgegeben, dass die Fischer doch noch zu dem schon ausgehandelten Kompromiss zurückkehren.

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