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Schuster : Der Laufkundschaft zu Füßen

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Autorennfahrer: Nicht ohne Maßschuhe an den Start Bild: F.A.Z. - Daniel Pilar

Axel Himer ist ein Kunsthandwerker der Premiumklasse. Er schneidert Schuhe nach Maß auf den Fuß: nie mehr als drei Paar in der Woche. Denn Luxus kostet viel Zeit.

          „Ein guter Schuhmacher muß auch die Schnauze halten können“, sagt Axel Himer. Legt sich Brandsohlenhobel und Hirschkleber, dazu eine Zwickzange und ein halbes Dutzend geschliffen scharfer Stecheisen zurecht und sagt kein unnötiges Wort mehr.

          Dabei plaudern Handwerker ganz gern, wenn Zuschauer ihnen im Nacken sitzen. Kunsthandwerker sind besonders gesprächig. Aber dazu braucht es eine Weile. Dem Meister gefällt es, wenn der Besucher auf einem uralten Drehstuhl andächtig Abstand hält, um sich das Interieur und die wichtigsten Gerätschaften erklären zu lassen. Wer dagegen zur Anprobe vorspricht, wird bald in den ersten Stock gebeten und mit Champagner und Zigarren bewirtet.

          Axel Himer macht Schuhe nach Maß, seit 1988 schon, aber nie mehr als drei Paar in der Woche. Darum hat er wenig Laufkundschaft und hebt das Telefon während der Arbeit nur ab, wenn er tatsächlich einmal beide Hände frei hat. Und im Notizbuch nachblättern kann, was gerade ansteht und zu welchem Termin. Die Stammkunden besitzen seine Handy-Nummer. Die fassen sich gewöhnlich kurz. Darum geht er ans Mobiltelefon meist sofort, spricht verbindlich, präzise und diskret - und niemals ein Wort zuviel. Richtig ins Gespräch ziehen läßt Himer sich erst, wenn man ihm auf Augenhöhe gegenübersitzt und der in Arbeit befindliche Schuh selbst eine Pause zu fordern scheint.

          Axel Himer: Schuster der Premiumklasse

          Mehr Geselligkeit entwickelt sich nebenan in der geräumigen Küche, wo manchmal eine kräftige Suppe auf dem Herd steht und meist die Espresso-Maschine läuft: „Einen besseren Cappuccino finden Sie in der Stadt nirgendwo“, sagt der gastliche Schuster. Und übertreibt durchaus nicht. Axel Himer ist ein Gemütsmensch mit dezentem Bäuchlein und ausgeprägt kulinarischem Feingefühl. Darum hat er dafür gesorgt, daß in den Räumen der unteren Etage nicht nur gekocht, sondern regelmäßig Wein und Whisky verkostet wird, aber auch Öl- und Essig-, Kaffee-und Espresso-Seminare stattfinden.

          Der gefällig restaurierte Industriebau in einem Hinterhof mitten in Baden-Badens Altstadt ist 150 Jahre alt. Ein Installateur namens Thiergärtner hatte dort lange seine Werkstatt. Der hat dem Zar die schmucken Badewannen nach St. Petersburg geliefert, aber zum Beispiel auch die Messinghandläufe für die „Titanic“ gefertigt. Handwerk mit Zertifikat, Qualität mit Gütesiegel - immer schon. Klar, daß das Gebäude mit dem wunderschön gepflasterten Innenhof unter Denkmalschutz steht und den Handwerkszünften zu exemplarischer Nutzung überlassen wurde, selbstverständlich für die Premium-Klasse der Schuster-, Schneider- und Putzmacher-Innung.

          Zunfthaus nennt es sich, ganz unprätentiös. Über Küche und Schankraum für ausgesucht feine Spirituosen ist im ersten Stockwerk Platz genug für den Ausstellungsraum des Fahrradbauers und der Manufaktur für Schreibwerkzeuge. Eine Ecke ist für Himers Privatissimum reserviert: den ungefügen Thron, auf dem Platz nehmen darf, wer vermessen wird. Ein feierlicher Akt, den man barfuß absolviert, während der Meister sich auf die Knie wirft, als wolle er dem neuen Kunden erstmal die Füße küssen. Er hält dazu aber ein Bandmaß in der Hand, streift ein Hosenbein in die Höhe und zieht die Socke stramm, bevor er Maß nimmt: dreimal quer, einmal längs und das Großzehengelenk extra. Noch eine Zeichnung vom Fuß im Profil, mit allen Höhen und Tiefen, dann dieselbe Prozedur am anderen Bein.

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