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Schule : Unentschuldigt demonstriert

Demonstrieren statt Unterricht Bild: AP

Praktischer Demokratieunterricht oder Fehlstunden: Nach zahlreichen Schüler-Demonstration während der Unterrichtszeit fordert der Deutsche Lehrerverband die Schulen auf, sich mit Sanktionen zurückzuhalten.

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          Vierzehnjährige Jungen beschriften Transparente mit Anti-Bush-Parolen, sechzehnjährige Mädchen malen sich rote Wunden ins Gesicht, legen sich als amerikanische Bombenopfer auf die Straße und recken die Arme zum Siegeszeichen. Zu den ersten spontanen Demonstrationen verließen die meisten Schüler ihre Klassen ohne Erlaubnis.

          Susanne Kusicke
          Redakteurin der Politik.

          Der Unterricht in dieser Zeit fand ohne sie statt. Schon nach der ersten großen Schüler-Demonstration am Tag des Kriegsausbruchs ordnete der saarländische Kultusminister Schreier (CDU) an, die Fehlzeiten in den nächsten Zeugnissen als unentschuldigt zu vermerken.

          "Keine Sanktionen" gegen protestierende Schüler

          An den folgenden Tagen wurden in vielen deutschen Städten weitere Schüler-Demonstrationen angesetzt, wiederum während der Unterrichtszeit. Veranstalter waren meist Stadtschülerräte, Schülervertretungen und Antikriegskomitees an einzelnen Schulen. Der DGB-Vorsitzende Sommer veröffentlichte einen Brief an die Kultusministerien, in dem er dazu aufrief, "keine Sanktionen" gegen die protestierenden Schüler zu verhängen.

          Nach Auffassung des DGB widersprächen Sanktionen wie diese "dem Geist einer lebhaften, auf Partizipation ausgerichteten Demokratie". Am Wochenende stellte sich Sommer als Hauptredner vor eine Friedenskundgebung in Berlin und sagte den Schülern Unterstützung gegen "Repressionen" der Schulbehörden zu. Auch der Deutsche Lehrerverband und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft forderten die Schulen auf, sich mit Sanktionen zurückzuhalten.

          So wissen sich die Schüler vielfach im Einverständnis mit ihren Eltern und Lehrern. "Viele unserer Lehrer haben es begrüßt, daß wir demonstrieren gehen wollten", berichten Frankfurter Schüler. Hinweise, das Demonstrieren während der Unterrichtszeit sei nicht erlaubt, nehmen die Schüler darum vielfach nicht ernst, sie empfinden sie als kleinlich oder rein formal.

          Lehrer begleiten Protestaktionen

          Manche Lehrer begleiten sie bei ihren Protestaktionen, Jugendforscher loben das politische Engagement der Schüler, Kommentatoren schwärmen vom Aufstand der Klassenzimmer. Die Frankfurter Bildungsdezernentin Ebeling (Grüne) spricht von "handlungsorientiertem Unterricht".

          Nach Ansicht mancher Lehrer geht es aber nicht um eine pädagogische Frage und schon gar nicht um praktischen Demokratieunterricht, sondern um unterschiedliche Auffassungen des Bildungsauftrags der Schule. "Ich sehe hier nur hochemotionalisierte Mädchen und Jungen, die von diesem Krieg nichts begreifen und nach der Demonstration genauso hilflos sind wie vorher. Ihnen ist besser gedient, wenn man sich im Unterricht mit der Geschichte des Irak-Konflikts oder der Krise der Vereinten Nationen beschäftigen würde", sagt ein Frankfurter Gemeinschaftskundelehrer.

          "Unser Direktor war verzweifelt"

          Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Karin Wolff (CDU), hatte aus ebendiesem Grund die Lehrer dazu aufgerufen, die Kinder und Jugendlichen im Unterricht in die Lage zu versetzen, sich ein eigenes Urteil über den Irak-Krieg zu bilden und erst nach dem Unterricht zu demonstrieren. Doch die Schulleiter können nur darauf dringen, die Demonstrationen außerhalb des Unterrichts anzusetzen. Sie können ihre Schüler nicht daran hindern, die Schule ohne Erlaubnis zu verlassen. "Unser Direktor war verzweifelt", erzählt ein junges Mädchen auf der Demonstration in Dresden. "Später hat er aufgegeben."

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