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Schüler droht Haftstrafe : Gutachten bestätigt angeblich sexuellen Kontakt

  • Aktualisiert am

In türkischer Haft: Marco W. aus Uelzen Bild: ddp

Unter „sehr schlechten Haftbedingungen“ sitzt ein deutscher Schüler seit Wochen in einem türkischen Gefängnis. Er soll mit einem 13 Jahre alten britischen Mädchen sexuellen Kontakt gehabt haben. Geschlechtsverkehr konnte ein Gutachten nicht belegen.

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          Für den seit zehn Wochen in der Türkei inhaftierten deutschen Schüler Marco W. wollen sich nun auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) einsetzen. Er werde dies an diesem Dienstag bei einem Treffen mit dem türkischen Außenminister ansprechen, sagte Steinmeier. Deutsche Diplomaten in der Türkei ringen unterdessen mit den örtlichen Behörden um Hafterleichterungen für den 17-jährigen, der des sexuellen Missbrauchs eines 13 Jahre alten britischen Mädchens bezichtigt wird.

          Der Schüler aus dem niedersächsischen Uelzen sitzt in einem Gefängnis in Antalya. Er hatte einem Gutachten zufolge offenbar sexuellen Kontakt mit dem britischen Mädchen, aber keinen Geschlechtsverkehr. Das Mädchen, das sich als 15-Jährige ausgegeben haben soll, hatte nach eigenen Angaben den Zärtlichkeiten zugestimmt. Die Mutter erstattete dennoch Anzeige. Der Prozess gegen den Jungen soll am 6. Juli beginnen. Ihm drohen bis zu acht Jahre Haft.

          Marco W. wird nach Ansicht des Zentrums für Türkeistudien in Essen nur freikommen können, wenn die Mutter des Mädchens die Anzeige zurückziehe. Anderenfalls werde der Jugendliche in Haft bleiben. „Da kann auch Herr Steinmeier nichts erwirken“, sagte der Leiter des Zentrums, Faruk Sen, der „Rheinischen Post“. Dies sei die Rechtslage in der Türkei. Vor allem in Südostanatolien müssten häufiger junge Männer wegen ähnlicher Vorfälle ins Gefängnis.

          Haft nicht in Deutschland absitzen

          Sollte er verurteilt werden, könnte er die Strafe wahrscheinlich nicht in Deutschland absitzen. Das würde voraussetzen, dass ein solches Verhalten auch hier strafbar wäre, sagte eine Sprecherin des Justizministeriums. Das sei aber nicht der Fall.

          Deutsche Konsularbeamte setzen sich bereits seit der Verhaftung des Jungen „sehr intensiv“ für ihn ein, wie ein Sprecher des Auswärtigen Amts sagte. Man habe ihn in der Haft besucht, mit den türkischen Stellen gesprochen und sei bei der Suche eines Anwalts behilflich gewesen.

          „Alles in unserer Macht stehende“

          Außerdem habe man mittels einer sogenannten Verbalnote um Hafterleichterungen gebeten - so etwa, dass Marco W. häufiger besucht werden dürfe und mit Medikamenten versorgt werde. Man habe auf die Besonderheiten des Falles hingewiesen, nämlich, dass der Schüler minderjährig sei und dass seine Familien mit besonders schwierigen Umständen kämpfe. „Wir tun alles, was in unserer Macht stehend ist“, sagte der Sprecher. Es liege Deutschland aber fern, Einfluss auf die türkischen Gerichte zu nehmen.

          Eine offizielle Reaktion der türkischen Behörden gibt es offenbar noch nicht. „Mir ist nicht bekannt, dass es eine schriftliche Antwort auf die Verbalnote gäbe“, sagte der Sprecher. Doch sei man mit den türkischen Behörden im täglichen Gespräch.

          Volker Beck für Freilassung auf Kaution

          Nach Angaben der Eltern sitzt Marco W. mit mehr als 30 Strafgefangenen aus aller Welt in einer Zelle: „Die Haftbedingungen sind sehr schlecht. Es gibt nur unzureichend Essen und Trinken. Einmal wöchentlich besteht die Möglichkeit, Trinkwasser, Nahrungsmittel, Seife und anderes zu kaufen, aber nur in sehr begrenzten Mengen und zu hohen Preisen.“ Freunde des Inhaftierten vom Technischen Hilfswerk in Uelzen sammeln inzwischen Geld für ihn.

          Der Grünen-Politiker Volker Beck kritisierte, dass die türkischen Behörden den Jungen nicht auf Kaution freilassen. Beck sprach von einem konstruierten und absurden Tatvorwurf. Selbst wenn man daran festhielte, müsse ein Ersttäter während der Verhandlungszeit auf Kaution freikommen, da es keine Gewalttat gegeben habe. Nach einem Gutachten, aus dem die „Bild“-Zeitung zitierte, hatte der Junge sexuellen Kontakt zu dem Mädchen. Marco W. will das Mädchen angeblich nur geküsst haben. Doch seien am Unterleib des Mädchens Spermaspuren festgestellt worden, meldete die Zeitung.

          „Mitternachtsexpress“

          Die türkische Presse zeigt unterdessen wenig Verständnis für die Aufregung um Marco W. Eine Kampagne im Stil des Films „Mitternachtsexpress“ hätten deutsche Medien gegen die Türkei entfacht, entrüstet sich das Massenblatt „Hürriyet“. Auf Unverständnis stößt die Forderung der Bundesregierung, den Jungen, dem bei einem Schuldspruch eine Freiheitsstrafe von acht Jahren droht, bis zum 6. Juli freizulassen. Am 6. Juli will das Gericht in Antalya, das eine sofortige Freilassung abgelehnt hat, nochmals über den Fall verhandeln.

          Scharf greift „Hürriyet“ auch das deutsche Boulevardblatt „Bild“-Zeitung an, dass sie sich nur über die Gefängnisbedingungen ereifere, die Meldung aber unterdrücke, dass sich Marco eben an einem Kind vergriffen habe. Noch einen Ton schärfer fasst es Chefkolumnist Oktay Eksi, der die Forderung der Bundesregierung als „Beleidigung“ für die türkische Justiz wertet. „Keine Albernheiten!“, überschrieb er seine Kolumne am Sonntag.

          Was wohl geschehe, wenn die Türkei von der Bundesregierung in einer Verbalnote die unverzügliche Freilassung eines türkischen Staatsbürgers fordere, fragt Eksi. „Unvorstellbar“, befindet er. Die Haftbedingungen in türkischen Gefängnissen müssten gewiss verbessert werden. „Aber nicht nur für Marco, sondern für alle.“ So aber stehe die deutsche Forderung ziemlich „hässlich“ im Raum. Unterdessen appelierten die Eltern des Jugendlichen am Sonntag an die türkischen Behörden, ihren Sohn freizulassen.

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