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Fleischlose Kost : Wie die Welt veggie wurde

Fleischloser Konsum boomt: Supermärkte bieten zahlreiche Alternativen an. Bild: dpa

Veganismus ist der Trend? Kann schon sein. Aber wirklich neu ist er deshalb nicht.

          6 Min.

          Reinhold Riedel war anfangs einer von vielen. Solange er in Leipzig und Berlin lebte, fand er als Vegetarier Anschluss an zahlreiche Gleichgesinnte und konnte sich problemlos mit allen Lebensmitteln versorgen, die er für seine Lebensweise brauchte. Leute, die wie er auf Fleisch verzichteten, waren in den 1890er Jahren zwar nicht gerade eine relevante gesellschaftliche Gruppe. Aber in den Großstädten des Deutschen Kaiserreichs gab es durchaus ungewöhnlichere Typen als Riedel und seine Gesinnungsgenossen, von denen die meisten einem Beruf nachgingen und ein geselliges Leben führten.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dann aber gab es in Riedels Leben eine Wende, und er wurde einer von sehr wenigen. Ein Jobwechsel führte dazu, dass er als Vegetarier oft auf sich allein gestellt war. Er würde fortan viel mit der Bahn reisen müssen, oft auf dem platten Land. Dem Mann, der offensichtlich allein lebte und meist auswärts aß, fehlte das gewohnte Essen der vegetarischen Speisehäuser in Leipzig und Berlin.

          Der radikale Weg

          Also aß er zunächst sogar wieder Fleisch, das er schon als Kind nicht gemocht hatte. Acht Wochen hielt er durch, aber es behagte ihm überhaupt nicht. Und so entschied sich Riedel, der auch mit dem Sozialismus, der Frauenbewegung und den Alkoholgegnern sympathisierte, für einen anderen, radikalen Weg: Er wurde Veganer, also einer, der gar nichts mehr vom Tier aß und sich ausschließlich von Pflanzen ernährte.

          In seinem neuen Beruf fuhr er oft mit dem Zug, und mit Brot, Haferkeksen, Zwieback, Nüssen, Obst und Trockenfrüchten im Gepäck war er völlig unabhängig. Auch von den Bahnhofskellnern, die an jeder Station belegte Brötchen, vor allem aber auch Bier, Kognak, Glühwein und Grog in die Waggons reichten. Bald war es Riedel gleichgültig, ob eine Reise ihn in eine entlegene Kleinstadt oder in eine Großstadt führte. So berichtete er es jedenfalls 1903 in einem Artikel in der Zeitschrift „Vegetarische Warte“.

          „Gemüseheilige“

          Das Wort „vegan“ kannte Riedel noch nicht. Es wurde erst ein halbes Jahrhundert später erfunden, 1944 in England, und dann sollte es noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis der Veganismus zum allgemeinen Wortschatz auch der Deutschen gehörte. Aber Veganer gab es eben schon vorher, sie nannten sich bloß nicht so. Leute wie Riedel bezeichneten sich meist einfach als „Vegetarier“. Sie benutzten also dasselbe Wort wie jene, die zwar Fleisch, Wurst und Fisch mieden, aber Milch, Eier und Honig zu sich nahmen. Auch die Fleischesser trennten da nicht so genau: Sie belächelten einfach alle Vegetarier. Manchmal sagten sie auch „Gemüseheilige“ zu ihnen.

          Um sich von den Milch-Eier-Vegetariern abzuheben, nannten sich allerdings manche von denen, die aus heutiger Sicht Veganer waren, „strenge Vegetarier“. Auch der „Brockhaus“ von 1902/03 kennt diese Abstufung. Das Lexikon erläutert den Begriff „Vegetarier“ mit den Worten: „Menschen, die ihre Nahrung ausschließlich oder vorwiegend aus dem Pflanzenreiche beziehen und als Getränk nur Wasser nehmen. Es gibt Vegetarier strengerer und milderer Observanz; die strengen essen ausschließlich Vegetabilien, während die mildern auch Milch, Butter, Käse, Eier gestatten und nur das Fleisch von der Nahrung ausschließen.“ Weiter unten heißt es dann noch: „Tatsache ist, dass manche Menschen ausschließlich von Vegetabilien leben können.“ Allerdings bürde, wer so lebe, „seinen Verdauungsorganen sehr erhebliche Mehrarbeit auf“. Das war der Stand der Forschung - die Ballaststoffe hatten ihre Karriere als wichtiger Bestandteil einer gesunden Ernährung noch vor sich.

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