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Schriftsteller wird zum Namensgeber : Eine Stadt, wie sie geschrieben steht

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Alte Heimat, neuer Name: Der italienische Autor Andrea Camilleri erfand Vigata Bild: dpa

Aus der Kleinstadt Porto Empedocle auf Sizilien soll Vigata werden, darüber sind sich die Stadtväter einig. Der neue Name ist der Literatur entnommen: Eine Romanfigur von Andrea Camilleri nennt die Stadt Vigata. Der Autor selbst stammt von dort.

          Der Schriftsteller Andrea Camilleri werde ehrenhalber die Kulturpolitik von Porto Empedocle auf Sizilien übernehmen, sagt Bürgermeister Calogero Firetto, „nicht bezahlt oder gewählt, aber geehrt als erster Bürger unserer Stadt“. Firetto verweist auf ein Foto des Autors in seinem Amtszimmer. „Er war immer schon aktiv für uns“, fügt Firetto an. Zunächst fragte jeder, warum sich der 1925 geborene Autor Camilleri, einst den Kommunisten nahe, in hohem Alter an der Seite eines Christdemokraten in die Niederungen der Politik begeben sollte. Doch jetzt wird klar, dass der Autor ungezählter Romane und Krimis gar nichts mehr tun muss. Er prägt seine Geburtstadt schon jetzt. Camilleri hat längst den alten Empedokles, einen Urahn in der Ortschaft, verdrängt - und den anderen Großen, Luigi Pirandello. Auch dieser Schriftsteller und Nobelpreisträger stammt aus Porto Empedocle; an ihn erinnert ein Standbild im Zentrum. Aber Camilleri hat sie alle geschlagen. Für ihn ist Pirandello ein Verwandter, hatten doch die Familien ihre Schuppen Wand an Wand.

          Noch steht auf dem Schild der erst vor ein paar Jahren zur Stadt erhobenen Ortschaft „Porto Empedocle“. Im 19. Jahrhundert, als der Hafen unweit von Agrigent diesen Namen bekam, klang noch die Bedeutung des Arztes und Philosophen Empedokles aus dem 5. Jahrhundert vor Christus nach. Doch heute scheint nur noch Camilleris Kommissar Salvo Montalbano durch die Straßen von Porto Empedocle zu streichen. Als Bronzefigur steht der Commissario an einen Laternenpfahl gelehnt auf der Hauptstraße. Ein Café, die Trattoria mit Gerichten nach seinen Rezepten und Camilleris Wohnung erinnern ebenfalls an den neuen Stadtpatron.

          „Porto Empedocle“ soll künftig „Vigata“ heißen

          Der Bürgermeister der Kleinstadt mit etwa 20.000 Einwohnern an der Südküste Siziliens will Porto Empedocle ein attraktives Gesicht geben und wählt dafür gegen die Wirklichkeit die Literatur. Da der - auch in Deutschland - beliebte Autor Camilleri seine Detektivgeschichten um Commissario Salvo Montalbano alle in Vigata spielen lässt und Vigata nichts anderes als ein Deckname für Porto Empedocle ist, soll der Autor für seine Heimatstadt werben. Sie soll bald „Vigata“ heißen. Die Stadtväter konnten sich leicht darauf einigen. Sie wollen die Vergangenheit aus Gewalt und Mafia loswerden und stehen mit einem Bündnis von Links bis Rechts hinter ihrem Bürgermeister und dem Sozialkritiker Camilleri.

          In der Erinnerung sah Montalbano „als erstes den Hafen mit drei Molen vor sich und rechter Hand die markante Silhouette eines großen Turms“, so heißt es bei Camilleri, als der Traum seiner Hauptfigur, des Kommissars, in Erfüllung geht, und der Polizist endlich seine Versetzung aus einem Nest in den verhassten Bergen in die Heimat am Meer erhält. Aber ein romantisches Fischerstädtchen muss man sich unter Porto Empedocle/Vigata deswegen nicht vorstellen. Da liegen 30 Kutter im Hafenbecken und zehn Segelboote. Es riecht nach Öl und Tang. Das einzig auffällige moderne Gebäude im Hafen ist eine gleißend weiße Baracke, die alle Migranten durchlaufen, die von Lampedusa mit dem Schiff zur Identifizierung in diesen Hafen gebracht werden. „Hier bleibt aber niemand von den Flüchtlingen. Sie werden sofort auf die Lager im Inneren Siziliens verteilt“, berichtet Lorenzo Rosso, der Sprecher des Bürgermeisters, der ein Kenner Camilleris ist.

          In der Tat ist kein Migrant zu sehen; niemand lungert am Hafen herum, obwohl jeden Tag Schiffe aus Lampedusa mit neuen Migranten aus Libyen einlaufen. Rosso führt auf den Turm hinauf. In vielen Romanen Andrea Camilleris kommt dieser Turm vor, doch in keinem benennt ihn der Autor. Es gibt aber nur diesen „Torre Carlo V.“ in Porto Empedocle. Kaiser Karl V. soll den Bau befohlen haben, um den Hafen und den Sammelplatz für die Ernte zu bewachen. Aber so schön das prunkvolle Wappen auf der gerade weißgetünchten Turmwand zu glänzen scheint, seine dicht vergitterten kleinen Fenster erinnern daran, dass der Turm meist Gefängnis war. Rosso spricht von der Erzählung Camilleris über die Ermordung der 112 Aufständischen durch die Bourbonen 1848, die in zwei tief in den Turm gemauerte Kerkerwannen hinabgestoßen wurden und jämmerlich verhungerten, wie es die Sage will. Die Region Sizilien ließ den Bau herrichten; jetzt will die Kommune ein Museum daraus machen, ein Café eröffnen und ein bisschen auch das übliche „Kulturzentrum“, das jede Stadt heutzutage zu haben hat. Doch noch ist es nicht so weit. Die Aussicht gibt es schon jetzt, aber statt Eiscreme und Cappuccino liegt auf der Turmplattform nur eine tote Taube und stinkt.

          „Das Verbrechen ist Vergangenheit“

          Vigata, um mutig schon einmal den zukünftigen Stadtnamen zu benutzen, lebte die meiste Zeit vom Fischfang, dann kamen Pottasche-Abbau und Energiegewinnung dazu. Der Hafen schafft ein paar Arbeitsplätze. Und es gibt Tourismus. Die meisten Besucher bleiben aber nur eine Nacht. Darum soll mehr Badeurlaub angeboten werden. Immerhin hat Vigata zehn Kilometer Strand bis zum Weltkulturerbe, den „Türkentreppen“ (Scala dei Turchi) aus vielfarbig schillerndem Mergel, die an die Kreidefelsen bei Saßnitz auf Rügen erinnern. Gleich neben dem Turm Karls V. soll ein altes E-Werk abgebaut werden, um den Strand bis zur Stadt hin zu verschönen. Im übrigen muss wieder einmal Camilleri herhalten. Kommissar Montalbano, der Held der Krimiserie, wollte nicht im Ort wohnen; er machte das Drei-Zimmer-Häuschen des nach Amerika ausgewanderten Sohnes seines Friseurs am Strand von Marinella zu seiner Traumheimat. Jeder kann bei Camilleri nachlesen, dass es kaum eine schönere Terrasse auf Erden geben kann, als jene von Montalbano - außer an Feiertagen, wo sich alles Volk über den Strand ergießt und danach seinen Müll nicht mitnimmt, also mindestens jedes Sommerwochenende.

          Der Müll vertreibt Montalbano auch in dem Buch über das entführte Mädchen, das zum Opfer eines Dramas zwischen den Geschäftsinteressen zweier Schwager wird. Oft spielt die Mafia in Camilleris Büchern mit. Kann man aber mit Verbrechen und Mord werben? Der im September 1965 in Agrigent geborene Bürgermeister Firetto, lang und blond, sieht da kein Problem: „Das Verbrechen ist Vergangenheit. Heute zeigt sich auf dem Hintergrund dieser schweren Jahre, wie sich unsere Gesellschaft verändert hat; wie sie gegenüber dem organisierten Verbrechen sensibel wurde und die Mafia marginalisieren kann“, findet Firetto. Sein Bündnis von Rechts bis nach Links führt der Bürgermeister auch darauf zurück, dass „es den Menschen heute um die Stadt und das Gemeinsame geht“. Das lasse Korruption nicht zu. Bei seinen ersten Wahlen trat Firetto noch für ein Bürgerbündnis ein; nun gehört er zur christlichen UDC, die längst jede Wurzel zur alten christdemokratischen CD und ihren Mafia-Methoden gekappt habe. Für was Vigata stehe? Es ist „eine moderne mitteleuropäische Stadt am südlichen Mittelmeer“.

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