https://www.faz.net/-gum-z4dd

Schriftsteller wird zum Namensgeber : Eine Stadt, wie sie geschrieben steht

  • -Aktualisiert am

In der Tat ist kein Migrant zu sehen; niemand lungert am Hafen herum, obwohl jeden Tag Schiffe aus Lampedusa mit neuen Migranten aus Libyen einlaufen. Rosso führt auf den Turm hinauf. In vielen Romanen Andrea Camilleris kommt dieser Turm vor, doch in keinem benennt ihn der Autor. Es gibt aber nur diesen „Torre Carlo V.“ in Porto Empedocle. Kaiser Karl V. soll den Bau befohlen haben, um den Hafen und den Sammelplatz für die Ernte zu bewachen. Aber so schön das prunkvolle Wappen auf der gerade weißgetünchten Turmwand zu glänzen scheint, seine dicht vergitterten kleinen Fenster erinnern daran, dass der Turm meist Gefängnis war. Rosso spricht von der Erzählung Camilleris über die Ermordung der 112 Aufständischen durch die Bourbonen 1848, die in zwei tief in den Turm gemauerte Kerkerwannen hinabgestoßen wurden und jämmerlich verhungerten, wie es die Sage will. Die Region Sizilien ließ den Bau herrichten; jetzt will die Kommune ein Museum daraus machen, ein Café eröffnen und ein bisschen auch das übliche „Kulturzentrum“, das jede Stadt heutzutage zu haben hat. Doch noch ist es nicht so weit. Die Aussicht gibt es schon jetzt, aber statt Eiscreme und Cappuccino liegt auf der Turmplattform nur eine tote Taube und stinkt.

„Das Verbrechen ist Vergangenheit“

Vigata, um mutig schon einmal den zukünftigen Stadtnamen zu benutzen, lebte die meiste Zeit vom Fischfang, dann kamen Pottasche-Abbau und Energiegewinnung dazu. Der Hafen schafft ein paar Arbeitsplätze. Und es gibt Tourismus. Die meisten Besucher bleiben aber nur eine Nacht. Darum soll mehr Badeurlaub angeboten werden. Immerhin hat Vigata zehn Kilometer Strand bis zum Weltkulturerbe, den „Türkentreppen“ (Scala dei Turchi) aus vielfarbig schillerndem Mergel, die an die Kreidefelsen bei Saßnitz auf Rügen erinnern. Gleich neben dem Turm Karls V. soll ein altes E-Werk abgebaut werden, um den Strand bis zur Stadt hin zu verschönen. Im übrigen muss wieder einmal Camilleri herhalten. Kommissar Montalbano, der Held der Krimiserie, wollte nicht im Ort wohnen; er machte das Drei-Zimmer-Häuschen des nach Amerika ausgewanderten Sohnes seines Friseurs am Strand von Marinella zu seiner Traumheimat. Jeder kann bei Camilleri nachlesen, dass es kaum eine schönere Terrasse auf Erden geben kann, als jene von Montalbano - außer an Feiertagen, wo sich alles Volk über den Strand ergießt und danach seinen Müll nicht mitnimmt, also mindestens jedes Sommerwochenende.

Der Müll vertreibt Montalbano auch in dem Buch über das entführte Mädchen, das zum Opfer eines Dramas zwischen den Geschäftsinteressen zweier Schwager wird. Oft spielt die Mafia in Camilleris Büchern mit. Kann man aber mit Verbrechen und Mord werben? Der im September 1965 in Agrigent geborene Bürgermeister Firetto, lang und blond, sieht da kein Problem: „Das Verbrechen ist Vergangenheit. Heute zeigt sich auf dem Hintergrund dieser schweren Jahre, wie sich unsere Gesellschaft verändert hat; wie sie gegenüber dem organisierten Verbrechen sensibel wurde und die Mafia marginalisieren kann“, findet Firetto. Sein Bündnis von Rechts bis nach Links führt der Bürgermeister auch darauf zurück, dass „es den Menschen heute um die Stadt und das Gemeinsame geht“. Das lasse Korruption nicht zu. Bei seinen ersten Wahlen trat Firetto noch für ein Bürgerbündnis ein; nun gehört er zur christlichen UDC, die längst jede Wurzel zur alten christdemokratischen CD und ihren Mafia-Methoden gekappt habe. Für was Vigata stehe? Es ist „eine moderne mitteleuropäische Stadt am südlichen Mittelmeer“.

Weitere Themen

Topmeldungen

Abkommen steht : Unerwarteter Durchbruch beim Brexit

Die Unterhändler der EU und Großbritannien haben sich auf einen Brexit-Vertrag geeignet. Das bestätigten Jean-Claude Juncker und Boris Johnson auf Twitter. Ein Scheitern des Abkommens ist jedoch dennoch möglich.

Bernd Lucke : Nazischweine und Gesinnungsterror

Vom AStA kann man nicht viel erwarten. Aber die Hamburger Regierung und die Universität leisten sich in Sachen Bernd Lucke eine peinliche Vorstellung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.