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Bis zu minus 52 Grad : Lebensgefährliche Kälte rollt über Amerika

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Eisige Kälte in Amerikas drittgrößter Stadt: Minus 22 Grad und dazu ein stürmischer Wind. Bild: EPA

In weiten Teilen der Vereinigten Staaten haben Südpolbedingungen das öffentliche Leben beinahe unmöglich gemacht. In einer Stadt North Dakotas kam es zu einer gefühlten Temperatur von minus 52 Grad Celsius.

          Eine arktische Kälte hat weite Teile der Vereinigten Staaten heimgesucht und zu schweren Störungen des öffentlichen Lebens geführt. Die Behörden im Mittleren Westen warnten, dass die extremen Niedrigtemperaturen lebensgefährlich seien. Sie riefen dutzende Millionen Bürger auf, möglichst im Warmen zu bleiben. Allerdings erhöhen sich in vielen Orten die Preise für Gas enorm. In den vergangenen beiden Tagen sei die Nachfrage über 50 Prozent gestiegen. Der in Detroit und Minneapolis beheimatete Energieversorger Xcel bat seine Kunden darum, das Thermostat auszustellen, um Versorgungsengpässe zu vermeiden.

          Die arktische Luftmasse von Rekordausmaßen werde in den nächsten Tagen über den mittleren und östlichen Landesteilen verharren, teilte der Nationale Wetterdienst mit. Adam Jordan, Direktor der Energieanalysanten Genscape, sagte Bloomberg, dass die Gasleitungen dem Wetter standhalten könnten, die Energiespeicher würden gerade aufgefüllt. „Die Infrastruktur könne zwei- bis drei Tage gefrorene Leitungen aushalten.“

          In Chicago, der drittgrößten Stadt des Landes und laut CNN-Metereologe Dave Hennen „Epizentrum der extremen Kälte“, lag die Temperatur am Mittwochvormittag (Ortszeit) bei minus 22 Grad Celsius. Die auf der Haut gefühlte Temperatur betrug dort aufgrund der eisigen Winde minus 46 Grad. Das war kälter als in manchen Teilen der Antarktis. In Grand Forks im Bundesstaat North Dakota sank das Thermometer auf minus 37 Grad, die gefühlte Temperatur lag sogar bei minus 52 Grad. Zahlreiche Schulen, Behörden und Geschäfte blieben geschlossen. Tausende Flüge wurden gestrichen, davon allein mehr als 1500 an den beiden Airports von Chicago. Auch auf kanadischen Flughäfen wurden zahlreiche Flüge abgesagt.

          Die amerikanische Post, die dafür bekannt ist, Briefe bei jedem Wetter zuzustellen, stellte in vielen Gebieten des Mittleren Westens den Dienst ein. Außerdem blieben Schulen und manche Universitäten geschlossen. In den Bundesstaaten Illinois, Michigan und Wisconsin setzten die Regionalbehörden Notstandsmaßnahmen in Kraft. Der Gouverneur von Illinois, J.B. Pritzker, rief alle Einwohner auf, sich gegen die Extremkälte zu wappnen. Es bestehe das „reale Risiko“, dass Menschen erfrieren könnten. Für Wohnungslose wurden rasch zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen. Dazu wurden in Chicago und Minneapolis auch Busse als vorübergehende wärmende Zufluchtsorte eingerichtet. Eine ähnliche Eiseskälte von minus 17 Grad und darunter würden bis Montag 83 Millionen Amerikaner oder 25 Prozent der Bevölkerung erfahren.

          Im Bundesstaat Iowa empfahl die zuständige NWS-Zweigstelle Bürgern, „tiefe Atemzüge“ zu vermeiden und so wenig zu sprechen wie möglich: „Das hier ist die kälteste Luft, die viele von uns jemals erlebt haben“, hieß es in ihrem Wetterbericht von Dienstagmorgen (Ortszeit).

          Extremkälte und Klimawandel? Kein Widerspruch

          Grund für die Kältewelle ist arktische Luft, die sich von dem normalerweise um den Nordpol kreisenden sogenannten Polarwirbel gelöst hat. Für diese Abspaltung könnte laut einer wissenschaftlichen These die Klimaerwärmung verantwortlich sein. Amerikas Präsident Donald Trump spottete gleichwohl angesichts der Extremkälte über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel. „Was zum Teufel ist mit der Erderwärmung los? Bitte komm schnell zurück, wir brauchen dich“, schrieb er bei Twitter.

          Die amerikanische Klimabehörde NOAA, welche die Atmosphäre und Ozeane überwacht, twitterte indes: „Winterstürme sind kein Beweis dafür, dass es keine globale Erwärmung gibt.“ Die Behörde verlinkte ihre Botschaft mit einem erläuternden Artikel dazu, warum die Erwärmung der Ozeane für polare Kältewellen und Rekordschnee mitverantwortlich ist.

          Die gefühlten Temperaturen – in den Vereinigten Staaten spricht man von „Windchill“-Werten – liegen oft deutlich tiefer. Schon am Dienstagmorgen wurden laut NWS im Bundesstaat Maine Werte von bis zu minus 49 Grad Celsius errechnet. Der „Windchill-Effekt“ beschreibt die Abkühlung der Haut bei erhöhter Windgeschwindigkeit.

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