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Blaues Blut : Wann ist ein Prinz ein Prinz?

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Darum heißt es schon auf Seite 13 des neuen Almanachs: „Das bedeutet, dass alle Personen, die nicht auf Grund ehelicher Abstammung den Namen der Familie des Vaters führen, gemäß dem bis 1919 gültigen Adelsrecht in dem Familienartikel nicht erscheinen.“ Zu unterscheiden sind insofern das Adels- und das Namensrecht. Wenn der „Prinz“ ein Namensbestandteil ist, kann er durch Adoption angenommen und als Teil des Namens geführt werden. Aber nach dem Adelsrecht ist der Namensträger eben kein echter, sondern ein Namensprinz, da es ihm am leiblichen Prinzenvater mangelt, der mit der leiblichen Mutter im Stand der Ehe lebt. So lautet zumindest die vereinfachte Regel für den bürgerlichen Hausgebrauch.

Etwa ein Prozent gehört dem Adel an

Da auch im Adelsrecht im Lauf eines Millenniums alles etwas komplizierter werden kann, gibt es den Adelsrechtsausschuss, der in sechs Kammern und einmal im Jahr im Plenum tagt, um Zweifelsfälle zu klären. Auch Standesämter und Staatsanwaltschaften suchen immer wieder den Rat des Archivs und des Ausschusses, „denn heute kann man bei Ebay alles bekommen“, wie der Archivdirektor es ausdrückt: „Manche gehen dann mit dem ersteigerten Namen zum Standesamt und sagen: Tragt mir das ein.“ Prinz von Schönburg-Hartenstein berichtet von Fällen und Grenzfällen der Hochstapelei. Eine Prinzessin besserte sich mutmaßlich ihren Lebensunterhalt damit auf, indem sie zahlungsbereite Männer adoptierte, die sich dann Prinz nennen durften.

Votiert hat der Ausschuss auch im Falle eines „Prinzen von Sachsen“, der durch Adoption zum Prinzen kam. Nun liegt es an der Familie, von dem Gutachten Gebrauch zu machen oder es wie ein Damoklesschwert in der Schwebe zu halten. Kopp-Colomb berichtet von einem Geschäftsmann, der unter einem frei erfundenen Namen eines vermeintlich Adligen deutsches Ödland samt dem Titel „Graf von . . .“ verkauft. Der Titel ist noch wertloser als das Land. Andere findige Verkäufer geben den Hinweis auf die Möglichkeit des Künstlernamens, „und wer sich darauf einlässt, hat seine Phantasien“, sagt Archivar von Finckenstein. Anfragen kommen aus der Wirtschaft und von Staaten, etwa wenn diese den Stab ihres diplomatischen Corps arrondieren.

Türhüter II: Albrecht Prinz von Croy

Die Vereinigung der Deutschen Adelsverbände, ihr Archiv und ihre Untergliederungen sind zuständig für den deutschen Adel, wie der Name es schon sagt. Aber Deutschland wird hier nicht als politisches Gebilde, sondern als Kulturraum definiert. Es geht um den Adel „deutscher Zunge“ - und der erstreckt sich bis nach Südtirol, ins Elsass, ins Baltikum und ins heutige Polen. Unter dem Eintrag „Komorowski“, einem rotreußischen Adelsgeschlecht mit dem Stammsitz Komorów bei Belz, das mit Nicolaus Kmorowski 1440 urkundlich erstmals erscheint, findet sich auch Borislaw Komorowski. Der noch amtierende Staatspräsident Polens gehört dem deutschen Adel an. Die Komorowskis sind nur eine von etwa 14.500 deutschen Adelsfamilien, von denen etwa ein Drittel erloschen ist, weil es an einem reproduktiv erfolgreichen männlichen Nachfahren fehlte. Der Deutschen Adelsgenossenschaft, dem Vorläufer der Vereinigung der Deutschen Adelsverbände, gehörten etwa 28.000 Mitglieder an.

Der Adel sei nicht vollständig erfasst, aber etwa ein Prozent der deutschen Bevölkerung gehöre ihm an, lautet die Schätzung aus Marburg. Wer die Namen und die Genealogie der „Erfassten“ kennen möchte, wird im Gotha fündig. Jährlich erscheinen zwei Werke der Reihe. Nach den fürstlichen Häusern in diesem Jahr sind 2016 die gräflichen Häuser und 2017 die freiherrlichen Häuser an der Reihe. Ein aktualisiertes Nachschlagewerk mit den adeligen Häusern erscheint zudem jedes Jahr. „Die ,Gothas‘ kann jeder bestellen, der daran interessiert ist“, sagt Albrecht Prinz von Croy, Vorstand der Stiftung Deutsches Adelsarchiv, zu einem verbreiteten Missverständnis. „Es ist kein ,closed shop‘ für Adelige - jeder kann bestellen.“

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