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Mecklenburg-Vorpommern : Ein Herrenhaus wie ein Schloss

Hinter den Linden ist es zu finden: Am Wochenende wird das restaurierte Schloss Bothmer feierlich wiedereröffnet. Bild: dpa

Graf Bothmer baute sein Schloss für die Ewigkeit. Der Prachtbau an der mecklenburgischen Ostseeküste ist nun frisch restauriert und verspricht Besuchern eine spannende Zeitreise ins 18. Jahrhundert.

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          270 Meter misst die Festonallee aus Lindenbäumen, die auf Schloss Bothmer zuführt. Ursprünglich wurden die Kronen der Bäume im Geschmack des Barock kastenförmig geschnitten. Weil die Pflege später versäumt wurde, spaltete das Gewicht der auswachsenden Kronen die Stämme. Die Linden wuchsen dennoch weiter, nach links und rechts. So entstand jene Girlandenform (Feston), welche die Festonallee so einzigartig macht.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ursprünglich gab es hier 72 Bäume, 69 sind noch erhalten. Weil Linden in dieser Sorte heute nicht mehr zu bekommen wären, wurden sie an der Humboldt-Universität in Berlin geklont, um für den Fall der Fälle Ersatz zu haben. Zur Schloss-Eröffnung am Samstag können Besucher solche Klon-Linden kaufen. Das Schloss, auf das die Allee zuführt, ist eine der größten barocken Backsteinanlagen in Norddeutschland. Eigentümer ist seit 2008 das Land Mecklenburg-Vorpommern. Gebäudeensemble und Garten auf der zehn Hektar großen Schlossinsel und die dorthin führenden Alleen wurden in den vergangenen fünf Jahren restauriert. Ein großer Teil der Kosten von 36 Millionen Euro floss aus europäischen Fonds.

          Am Anfang der Festonallee ist nur der Mittelrisalit des Schlosses mit dem Wappen der Bothmers und ihrem Wahlspruch „Respice finem“ (Bedenke das Ende) zu sehen. Je näher man kommt, desto mehr wächst das Backsteinschloss aus der Senke, in der es errichtet wurde, in die Breite. Und wer schließlich davor steht auf dem Ehrenhof, kann die gewaltige Anlage mit dem Haupthaus in der Mitte, den Anbauten und Übergängen mit einem Blick nicht mehr erfassen.

          Reich geworden durch Korruption

          Erfunden hat die Gebäude-Auffächerung der Renaissancekünstler Andrea Palladio. Nach Bothmer ist diese Architektur aber über den Umweg England gekommen, und zwar durch Hans Caspar Graf von Bothmer (1656-1732), der im Dienst des Kurfürsten von Hannover stand, mit Dienstsitz London. Er gehörte zu jenen am Hof, die zwischen dem hannoverschen und dem englischen Thron die Personalunion betrieben, die vor 300 Jahren zustande kam und einen Hannoveraner als Georg I. auf den englischen Thron brachte.

          Der mächtige Minister Bothmer, der in London in 10 Downing Street residierte, wo heute der Premierminister sitzt, wurde in diesen Diensten reich – und zwar durch Korruption. Jeden Dienst für irgendwen ließ er sich fürstlich bezahlen. Seine Beziehungen waren Gold wert. Sein Kapital legte er gewinnbringend an, indem er unter anderem eine Pferdezucht begründete. So konnte er es sich schließlich auch leisten, nicht nur in London ein großes Haus zu führen, in dem etwa Georg Friedrich Händel verkehrte. Bothmer kaufte auch im Klützer Winkel nahe der Ostsee bei Boltenhagen, also am Ende der Welt, 5000 Hektar Land.

          Der Klützer Winkel gehört zwar zu Mecklenburg, stand damals aber unter Zwangsverwaltung von Hannover. 250.000 Reichstaler zahlte der Graf für das Gut, eine gewaltige Summe. Vermutlich hätte er sein Schloss auch anderswo gebaut, er hatte keine persönliche Beziehung zu dem Landstrich. Aber im Klützer Winkel konnte er nicht nur einen großen Grundbesitz erwerben, hier gab es auch besonders wertvollen Boden, dank des Ostseeklimas mit viel Feuchtigkeit und nicht allzu strengen Wintern. Noch heute werden für Ackerflächen im Klützer Winkel hohe Bodenpreise gezahlt.

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