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Schlagende Verbindungen : Die den Kopf hinhalten

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Ein letzter Moment der Ruhe: Reinier van Ramshorst (Mitte) mit seinem Sekundanten Ferdinand Freiherr von Lindenfels (rechts) Bild: Willem Sluyterman van Loo

Gut 4000 Studenten fechten jedes Jahr eine Mensur. Das Antreten auf blanke Waffen findet nicht öffentlich statt. Zwei Corps in Erlangen machen eine Ausnahme.

          Fertig? Hoch bitte! – Los!“, hallt es durch den Keller des Corps Baruthia Erlangen. Das „Los“ ist noch nicht verklungen, da treffen sich schon die Schläger. Sebastian Herold, 24, Maschinenbaustudent, nimmt es mit Reinier van Ramshorst auf, 27 und Student der Amerikanistik und Anglistik. Beide sind durch eine gepolsterte Weste, ein Kevlarband um den Nacken und einen Helm auf ihrem Kopf geschützt. Noch ist es nur die Generalprobe.

          Der Niederländer van Ramshorst und sein Corpsbruder Herold trainieren für eine Mensur, eine jahrhundertealte Tradition, bei der Studenten mit scharfen Klingen fechten. Sie tragen dann nur eine Stahlbrille mit Nasenschutz und Lederriemen über den Gehörgängen. Baruthia Erlangen, 1803 gegründet, fordert von seinen Mitgliedern fünf Mensuren auf blanke Waffen. Zwei Partien machen aus einem Fuchsen einen Corpsburschen, nach der fünften Mensur wird er ein inaktiver Corpsbursch, nach dem Studium ist er Alter Herr. Alle fünf Mensuren müssen ziehen, das heißt, sie müssen technisch dem vorgeschriebenen Comment und moralisch den Anforderungen der Corpsbrüder genügen.

          In Erlangen wird noch tief gefochten

          Manche Corpsstudenten, wie auch van Ramshorst, der schon einmal auf der Wange getroffen wurde, sind an ihren Schmissen zu erkennen. Obwohl die Mensur einen archaischen Ruf hat, gibt es in Europa noch mehr als 400 fechtende Studentenverbindungen: 376 in Deutschland, einige Dutzend in Österreich, 13 in der Schweiz, eine in Lettland, eine in Ungarn und eine im flämischen Löwen. Mit ungefähr 25.000 Mitgliedern stellen die 160 Corps die größte Gruppe, etwa 1.500 ihrer Mitglieder sind aktiv und fechten Mensuren. Hinzu kommen 120 Burschenschaften, 89 Landsmannschaften und 25 Turnerschaften.

          Gefochten wird in den meisten Universitätsstädten mit dem Korbschläger, einer Waffe ohne Spitze. Der Abstand der Paukanten, die Mensur, ist so gewählt, dass sie nicht zustechen, sondern über Kopf nur zuschlagen können. Handschutz ist ein Drahtkorb. Meist kreuzen sich die Klingen in der Luft, oder die Klinge schlägt auf Korb und gepolsterten Schlagarm des Gegenpaukanten ein, wenn er in der „verhängten Auslage“ steht. Vor dem Gesetz gilt das Mensurfechten seit den Fünfzigern weder als Duell, noch ist es ein Sport. Da es nicht um Leben und Tod geht und ernsthafte Verletzungen so gut wie ausgeschlossen sind, zudem beide Seiten ihre Einwilligung zur Mensur gegeben haben, ist sie höchstrichterlich auch nicht verboten.

          Fast nirgendwo wird härter gefochten als in Erlangen. Die Studenten trainieren jeden Tag eine Stunde. Während in einigen Universitätsstädten nach Comment ein Treffer unter dem Brillenriemen verboten ist, wird in Erlangen noch „tief“ gefochten. Auch die Wangen sind Trefferfläche.

          Muttersöhnchen und Opportunisten ausfiltern

          Reinier van Ramshorst tritt auf Mensur gegen Germar Seebauer von Onoldia Erlangen an, einem der ältesten Corps in Deutschland (gegründet 1798). Van Ramshorst wollte gerne noch einmal fechten, Seebauer brachte sich selbst ins Spiel: Bei Onoldia war der 23 Jahre alte angehende Jurist als Consenior fürs Fechten verantwortlich. Mit bislang sieben Mensuren hat van Ramshorst mehr Erfahrung als Seebauer, der seine fünfte Partie fechten wird.

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