https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/schiffsglocke-der-erebus-nach-170-jahren-geborgen-13264468.html

Schiffsglocke geborgen : Wem die Stunde schlägt

Wieder im Wasser: die Schiffsglocke der Erebus. Bild: AP

Es war eine der spektakulärsten Entdeckungen der letzten Jahre: eines der verschollenen Expeditionsschiffe des Polarforschers Sir John Franklin wurde im Eismeer gefunden. Nun hat man die 170 Jahre alte Schiffsglocke geborgen.

          2 Min.

          Es war eine der spektakulärsten Entdeckungen von Archäologen in den vergangenen Jahren: Anfang September gab der kanadische Premierminister Stephen Harper bekannt, dass eines der beiden seit 1845 verschollenen Expeditionsschiffe des Polarforschers Sir John Franklin im Eismeer gefunden worden sei. Wenig später konnte es identifiziert werden: Bei dem Schiff handelt es sich um die 1826 gebaute HMS Erebus, ein Schlachtschiff mit recht geringem Tiefgang von 4,2 Meter, das für Franklins legendäre Expedition mit einer Dampfmaschine und Zentralheizung ausgerüstet worden war.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser Tage nun gab es Neuigkeiten von der Erebus: Die Taucher hätten das Schiff bislang vor allem gründlich untersucht, ohne dabei einzelne Artefakte zu sichern, sagte Marc-André Bernier, der für die mit der Suche beauftragte Firma Parks Canada die Unterwasserarchäologie verantwortet. Mit einer Ausnahme: Kürzlich wurde die bronzene Schiffsglocke der Erebus sorgfältig an die Wasseroberfläche gebracht. Sie soll nun in einem mit frischem Wasser gefüllten Behälter untersucht und gereinigt werden. Das könnte eineinhalb Jahre dauern und schließlich die Glocke nach 170 Jahren wieder zum Klingen bringen. Was das bedeutet, kann man nur ermessen, wenn man sich vor Augen führt, welche Funktion die Schiffsglocke für Franklins Mannschaft hatte. Die auf den beiden Expeditionsschiffen materiell gut versorgten Männer verbrachten drei lange Winter im Eismeer, in denen die gewohnte Abfolge der Tage nicht mehr galt und stattdessen die Schiffsglocke die Zeit strukturierte – und mit ihrem Läuten in der Finsternis daran erinnerte, dass es eine ferne Zivilisation gab, in die Franklins Männer zurückzukehren hofften, wenn nur das eingeschlossene Schiff wieder manövrierfähig sein würde.

          Franklin war bereits 1847 gestorben

          Auch Franklins von der Nachwelt oft belächelte Bordbibliothek mit angeblich 1700 Bänden, darunter einige Jahrgänge der Witzzeitschrift „Punch“, wird einigen der Seeleute und Offiziere dabei geholfen haben, die Zeit zu überstehen, bis man im Frühjahr 1848 die Schiffe verließ, um die Rettung auf dem Landweg zu suchen – Franklin war schon am 11. Juni 1847 gestorben. Dass jedenfalls Langeweile und Untätigkeit für eine Polarexpedition ebenso Gift sind wie für eine durchaus vergleichbare Expedition ins All, hatten schon Franklins Nachfolger an der Wende zum 20. Jahrhundert gelernt, die für Theateraufführungen, Lesungen oder Konzerte sorgten und bisweilen ihre Mannschaften dazu anhielten, Texte und Zeichnungen für handschriftliche Expeditionszeitungen beizusteuern.

          Derlei wird man wohl in künftigen Kampagnen auf der Erebus kaum entdecken. Wasserdicht verpackte Daguerreotypien – Franklin führte einen der kurz zuvor erfundenen Apparate mit sich – wären ein Traum. Bislang ist allerdings offen, ob das Schiff überhaupt eines Tages gehoben werden soll.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Corona-Welle : Muss sich Nordkorea jetzt öffnen?

          Kim Jong-un hatte gehofft, das Coronavirus werde sein Land nie erreichen. Jetzt ist es da – und Impfstoff fehlt. Der Machthaber weist die Schuld von sich.
          Grenzkontrolle zwischen den USA und Mexiko. Die Pandemieregelungen an der Grenze bleiben vorerst bestehen.

          USA : Pandemie-Regelung an Grenze zu Mexiko bleibt bestehen

          Ein US-Richter hat Pläne der Biden-Regierung blockiert, die Beschränkungen der Einwanderung von Mexiko in die USA zu lockern. Wegen pandemiebedingte Gesundheitsrisiken wurden allein im April 95.000 Migranten abgeschoben. Washington will Berufung einlegen.
          Weizen wird knapp: Familien in Jemens Provinz Lahdsch erhalten Mehl-Rationen. Die Versorgung wird wegen des Ukrainekrieges immer schwieriger.

          Getreidekrise durch den Krieg : Putin setzt auf Hunger

          Russland beschuldigt die Ukraine, ihre Häfen zu blockieren und damit schuld an der globalen Getreideknappheit zu sein. Gleichzeitig intensiviert Moskau die Propaganda in Afrika.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Baufinanzierung
          Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
          Automarkt
          Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen
          50Plus
          Serviceportal für Best Ager, Senioren & Angehörige