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Schiffsglocke geborgen : Wem die Stunde schlägt

Wieder im Wasser: die Schiffsglocke der Erebus. Bild: AP

Es war eine der spektakulärsten Entdeckungen der letzten Jahre: eines der verschollenen Expeditionsschiffe des Polarforschers Sir John Franklin wurde im Eismeer gefunden. Nun hat man die 170 Jahre alte Schiffsglocke geborgen.

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          Es war eine der spektakulärsten Entdeckungen von Archäologen in den vergangenen Jahren: Anfang September gab der kanadische Premierminister Stephen Harper bekannt, dass eines der beiden seit 1845 verschollenen Expeditionsschiffe des Polarforschers Sir John Franklin im Eismeer gefunden worden sei. Wenig später konnte es identifiziert werden: Bei dem Schiff handelt es sich um die 1826 gebaute HMS Erebus, ein Schlachtschiff mit recht geringem Tiefgang von 4,2 Meter, das für Franklins legendäre Expedition mit einer Dampfmaschine und Zentralheizung ausgerüstet worden war.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser Tage nun gab es Neuigkeiten von der Erebus: Die Taucher hätten das Schiff bislang vor allem gründlich untersucht, ohne dabei einzelne Artefakte zu sichern, sagte Marc-André Bernier, der für die mit der Suche beauftragte Firma Parks Canada die Unterwasserarchäologie verantwortet. Mit einer Ausnahme: Kürzlich wurde die bronzene Schiffsglocke der Erebus sorgfältig an die Wasseroberfläche gebracht. Sie soll nun in einem mit frischem Wasser gefüllten Behälter untersucht und gereinigt werden. Das könnte eineinhalb Jahre dauern und schließlich die Glocke nach 170 Jahren wieder zum Klingen bringen. Was das bedeutet, kann man nur ermessen, wenn man sich vor Augen führt, welche Funktion die Schiffsglocke für Franklins Mannschaft hatte. Die auf den beiden Expeditionsschiffen materiell gut versorgten Männer verbrachten drei lange Winter im Eismeer, in denen die gewohnte Abfolge der Tage nicht mehr galt und stattdessen die Schiffsglocke die Zeit strukturierte – und mit ihrem Läuten in der Finsternis daran erinnerte, dass es eine ferne Zivilisation gab, in die Franklins Männer zurückzukehren hofften, wenn nur das eingeschlossene Schiff wieder manövrierfähig sein würde.

          Franklin war bereits 1847 gestorben

          Auch Franklins von der Nachwelt oft belächelte Bordbibliothek mit angeblich 1700 Bänden, darunter einige Jahrgänge der Witzzeitschrift „Punch“, wird einigen der Seeleute und Offiziere dabei geholfen haben, die Zeit zu überstehen, bis man im Frühjahr 1848 die Schiffe verließ, um die Rettung auf dem Landweg zu suchen – Franklin war schon am 11. Juni 1847 gestorben. Dass jedenfalls Langeweile und Untätigkeit für eine Polarexpedition ebenso Gift sind wie für eine durchaus vergleichbare Expedition ins All, hatten schon Franklins Nachfolger an der Wende zum 20. Jahrhundert gelernt, die für Theateraufführungen, Lesungen oder Konzerte sorgten und bisweilen ihre Mannschaften dazu anhielten, Texte und Zeichnungen für handschriftliche Expeditionszeitungen beizusteuern.

          Derlei wird man wohl in künftigen Kampagnen auf der Erebus kaum entdecken. Wasserdicht verpackte Daguerreotypien – Franklin führte einen der kurz zuvor erfundenen Apparate mit sich – wären ein Traum. Bislang ist allerdings offen, ob das Schiff überhaupt eines Tages gehoben werden soll.

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