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Schiffbruch vor Lampedusa : Mehr als 200 Flüchtlinge ertrunken

  • Aktualisiert am

Ein Boot mit Schiffbrüchigen legt im Hafen von Lampedusa an Bild: dpa

Vor der Mittelmeerinsel Lampedusa ist ein Flüchtlingsboot aus Libyen in rauher See gekentert. Bislang konnten 51 Menschen geborgen werden, etwa 300 Flüchtlinge waren wohl an Bord.

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          Bei schwerem Sturm sind bis zu 250 Flüchtlinge auf dem Weg von Libyen zur italienischen Insel Lampedusa ums Leben gekommen. Das gekenterte Fischerboot war in der Nacht zum Mittwoch mit rund 300 Menschen an Bord unterwegs - darunter auch Kleinkindern, wie die „International Organization for Migration“ (IOM) mitteilte. Die Rettungskräfte waren zunächst von 200 Insassen ausgegangen. 20 Leichen wurden geborgen. Bis Mittwochabend konnten 51 Menschen geborgen werden.

          Bei den Opfern handelt es sich nach Informationen des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) um Afrikaner aus Eritrea und Somalia sowie aus Schwarzafrika und der Elfenbeinküste, die vor zwei oder drei Tagen von Libyen aus in See gestochen waren. Das nach Angaben der Behörden 13 Meter lange Fischerboot war überladen. Der Kahn geriet zwischen Malta und Lampedusa in einen schweren Sturm mit hohem Seegang und kenterte. Die Überlebenden wurden nach Lampedusa gebracht, um dort medizinisch betreut zu werden. Nach Angaben von IOM sind alle unterkühlt und stehen unter Schock.

          Drei Meter hohen Wellen erschweren die Suchaktion

          Drei Schiffe, ein Flugzeug und ein Helikopter der italienischen Küstenwache suchten nach weiteren Überlebenden. Auch ein maltesisches Flugzeug beteiligte sich an der Rettungsaktion etwa 40 Seemeilen von Lampedusa entfernt. Heftiger Nordwestwind und hoher Seegang mit drei Meter hohen Wellen erschwerten die Suchaktion. „Diese neue Tragödie macht deutlich, dass eine bessere Koordination zwischen den im Mittelmeer präsenten Schiffen und Einsatzkräften der Nato notwendig ist, um mehr Menschenleben retten zu können“, erklärte die Sprecherin des UNHCR Italien, Laura Boldrini.

          Die italienische Küstenwache begleitet ein Boot mit geretteten Flüchtlingen in den Hafen

          Lampedusa liet nur 130 Kilometer von der tunesischen Küste entfernt. Für viele Verzweifelte ist es das „Tor nach Europa“. Seit Beginn der Unruhewelle in Nordafrika und dem Sturz des tunesischen Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali kamen mehr als 18.000 großteils tunesische Flüchtlinge nach Lampedusa. Immer mehr kommen auch aus dem Kriegsgebiet in Libyen. Die Überfahrt übers Mittelmeer gilt als extrem gefährlich. Oft sind die Boote wenig seetauglich, fast immer sind sie völlig überladen. Viele der Afrikaner können nicht schwimmen.

          Flüchtlinge sollen in der EU „verteilt“ werden

          Angesichts des Flüchtlingsstroms drängt die EU-Kommission die Mitgliedsstaaten, Kontingente von Migranten aufzunehmen. „Solidarität mit den unter Druck stehenden Nachbarländern zu zeigen und Flüchtlinge aufzunehmen, trägt zum Dialog und zur Kooperation bei“, schrieb EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström in der Einladung zum nächsten Treffen der EU-Innenminister am kommenden Montag in Luxemburg.
          In dem Brief, der der Nachrichtenagentur dpa in Brüssel vorliegt, begrüßt die für Flüchtlingsfragen zuständige Kommissarin, dass es „weitergehende Überlegungen in den EU-Hauptstädten“ gebe. Malmström schlägt vor, die in Italien und Malta gestrandeten Flüchtlinge in der EU zu verteilen.

          Der Vorschlag dürfte zu erheblichem Streit führen. Deutschland und Österreich lehnen das Vorhaben bislang ab. Sie argumentieren, dass die meisten Flüchtlinge aus Tunesien Wirtschaftsflüchtlinge seien und keinen Schutz benötigten. Die EU-Richtlinie zur Aufteilung von Flüchtlingen gelte aber nur für schutzbedürftige Asylbewerber.

          „Bekämpfung des nächtlichen Menschenschmuggels“

          Am späten Dienstag konnten sich Italien und Tunesien in Tunis auf eine neue Vereinbarung dazu einigen, wie der Strom verringert werden soll. Der italienische Innenminister Roberto Maroni von der „Lega Nord“ sagte danach am späten Dienstag, die Vereinbarung beinhalte ein Bekenntnis zur völligen Zusammenarbeit beider Sicherheitskräfte bei der „Bekämpfung des nächtlichen Menschenschmuggels“. Die technische Vereinbarung „schließt die Quelle illegaler Einwanderung“.

          Während bisher von Geld für Tunesien die Rede gewesen war, unterblieb dies jetzt. Damit nimmt die Regierung Berlusconi Rücksicht auf den Koalitionspartner von der „Lega Nord“, der unverzüglich alle Flüchtlinge zurückschicken und keine Hilfe leisten will.

          Inoffiziell hieß es, Italien wolle Tunis einen Kredit über 300 Millionen Euro einräumen, der Teil eines Kredits von insgesamt vier Milliarden sein soll, für den Italien die EU gewinnen will. Im Weiteren beteilige sich Italien direkt am Aufbau einer Küstenwache und stelle dazu etwa 100 Millionen Euro zur Verfügung. Im Übrigen vereinbarten beide Regierungen, dass zunächst einmal alle bisher aus Tunesien gekommenen etwa 22.000 Migranten eine Aufenthaltserlaubnis „aus humanitären Gründen“ über höchstens sechs Monate erhalten sollen.

          Diejenigen, die erst jetzt nach Italien kommen, sollen direkt zurückgeführt werden. Tunesien weigerte sich offenbar, Migranten in großer Zahl wieder aufzunehmen. Es gibt offenbar keine detaillierte Vereinbarung darüber, wie die Rückführung der derzeit etwa 800 sich auf dem Weg befindlichen Migranten vonstatten gehen soll.

          Die bisher aus den italienischen Auffanglagern auf dem Festland Geflüchteten dürften nun wieder in die Lager zurückkehren, um dort ihre Papiere zu bekommen. Italien setzt darauf, die Migranten in kleinen Gruppen und mit finanziellen Vergünstigungen wieder nach Tunesien zurückschicken zu können.

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