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Scheidungskinder : Das sind Wunden, die hat man

In guten wie in schlechten Zeiten - das funktioniert nicht immer zwischen Paaren Bild: dpa

Wiederholen Scheidungskinder als Erwachsene die Fehler ihrer Eltern? Wissenschaftler sprechen sogar davon, das Scheidungsrisiko sei vererbbar. Betroffene suchen Wege zwischen Beziehungsphobie und Nähe.

          7 Min.

          Ursprünglich wollte sie keine Kinder, allein schon, um ihnen das eigene Schicksal zu ersparen. Sie dachte, als sie jünger war, dass sie ohnehin nie im Leben eine langfristige Beziehung führen würde. Sie war schließlich ein Scheidungskind. Ihr Vater zog aus, weil er eine neue Freundin hatte; sie war damals zwölf und litt unter dem Gefühl, verlassen worden zu sein. Mit Anfang dreißig heiratete sie dann doch. Zum ersten Mal war sie einem Mann begegnet, bei dem sie sicher war, es könnte gutgehen, auf Dauer. „Ich hätte nie die Kinder gekriegt, wenn ich nicht so viel Vertrauen in seine Zuverlässigkeit gehabt hätte“, sagt Britta Dankwerth*. In guten wie in schlechten Zeiten: Sie nahm das sehr ernst. Heute ist ihre Tochter drei, der Sohn sieben Jahre alt. Ihr Mann ist im Sommer ausgezogen. Die Scheidung läuft.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Scheidungskinder haben als Erwachsene ein größeres Risiko, dass ihre eigenen Ehen auch geschieden werden. Seit den siebziger Jahren belegt eine Reihe von Untersuchungen zunächst aus Amerika die Existenz einer, wie Sozialwissenschaftler es formulieren, „sozialen Vererbung“ oder „Transmission“ von Scheidung. Für Deutschland ist dieser Befund erst 2009 neu untermauert worden. Die Soziologin Sonja Schulz hat Daten des Deutschen Jugendinstituts ausgewertet, und siehe da: Nach zwanzig Jahren waren noch achtzig Prozent der Personen verheiratet, die bei ihren Eltern aufgewachsen waren. Bei Kindern Alleinerziehender waren es siebzig Prozent. Bei Kindern aus Patchworkfamilien hielten nur sechzig Prozent der Ehen.

          „Woran liegt das? Und ist das meine Schuld?“ Britta Dankwerth denkt viel darüber nach, warum ausgerechnet ihre Ehe gescheitert ist. Sie ahnt, dass ihr Mann das Familiendasein irgendwie uncool fand. Sie weiß, dass beide über Kinder und Alltag ihre Beziehung als Paar vernachlässigt haben. Manchmal grübelt sie, ob sie ihn zu der Trennung getrieben hat. Zwar hat sie alles versucht, um das Ende zu verhindern, Paartherapie inklusive. Sie hat ihn angefleht: „Mach das nicht! Tu’s den Kindern nicht an. Du weißt doch gar nicht, wie schrecklich das ist!“

          Andererseits hat sie es kommen sehen. Auch wenn gar keine andere Frau im Spiel war: Dass der Familienvater sich davonmacht mit einer Jüngeren - diese Bedrohung schien ihr immer realistisch; das hatte sie erlebt. „Ich hatte dadurch schon so ein Problem mit Vertrauen“, sagt sie, „ich war immer misstrauisch.“ Deshalb weigerte sie sich, ihren Job aufzugeben und mit den Kindern zu Hause zu bleiben, obwohl ihr Mann sich das gewünscht hätte. Sie hat ihm damals ins Gesicht gesagt: „Irgendwann wirst du mich sitzenlassen, und dann bin ich darauf angewiesen.“ Bloß nicht so enden wie die eigene Mutter. Während ihr Vater nach der Scheidung ein schickes Leben führte, hatten Frau und Kinder kaum genug zu essen.

          Mängel in der Sozialisation

          Sucht man nach Erklärungen für die Weitergabe des Scheidungsrisikos von einer Generation zur nächsten, bleiben die Antworten der Wissenschaft unbefriedigend. Reichen Scheidungskinder leichtfertiger die Scheidung ein? Gehen sie weniger verbindliche Beziehungen ein? Investieren sie weniger? Fehlen ihnen Vorbilder? Kompetenzen zur Konfliktlösung? Welche Rolle spielen der Stress daheim, ein etwaiger finanzieller Abstieg und die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen?

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