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Scheidungskinder : Das sind Wunden, die hat man

Auch Fred Berger von der Universität Zürich konnte in der Längsschnittuntersuchung „LifE“ bei fünfunddreißigjährigen Deutschen abermals nachweisen: Nach zwölf Jahren Ehe hatten Scheidungskinder eine erhöhte Scheidungswahrscheinlichkeit von 60 Prozent. Ein Zusammenhang besteht laut Studie mit dem Befund, dass die Betroffenen früher als ihre Altersgenossen sexuelle Beziehungen aufnehmen. Berger schließt daraus auf Mängel in der Sozialisation. Aber er sagt auch: „Da ist noch vieles zu erklären. Studien, die die ganze Komplexität abbilden können, gibt es meines Wissens nicht.“

Susanne Recher* lebt in einer Kleinstadt in Süddeutschland. Sie ist Sozialwissenschaftlerin, Anfang 40 und in zweiter Ehe verheiratet; ihre Tochter ist erwachsen. „Erst nach der Trennung ist mir klargeworden, dass ich in meiner Beziehung ein Muster wiederholt habe, das meine Mutter auch hatte“, sagt sie. Mit Anfang zwanzig verliebte sie sich - wie die Mutter - in einen attraktiven, charismatischen Mann. Der Märchenprinz jedoch war ihr intellektuell nie gewachsen - ähnlich wie die Mutter (Hauptschulabschluss) dem Vater (Akademiker). Später stellte sich außerdem heraus, dass Rechers Ex so wenig in der Lage war, den Kontakt zur Tochter zu halten, wie einst ihr eigener Vater. Das, sagt Recher, habe sie traurig gemacht.

Unter der Trennung ihrer Eltern hingegen hat sie nicht gelitten. Sie war damals zwei Jahre alt. „Ich hatte immer das Gefühl, dass uns nichts fehlt“, sagt sie rückblickend. Aber ein Rollenmodell, wie eine glückliche Familie aussieht und funktioniert - das gab es nicht. Als Susanne Recher also schwanger wurde, ungewollt, räumte sie jeden Zweifel beiseite und orientierte sich an einem von Äußerlichkeiten geprägten Familienidyll. Auf den Fotos aus jener Zeit sieht sie älter aus als heute, die Tochter muss regelmäßig darüber lachen: brave Blusen, überall Blümchen und Wallelocken anstelle des frechen Kurzhaarschnitts.

Es dauerte eine Weile, bis Recher merkte: „Ich habe mich da in was reingewünscht.“ Sie ließ die Krabbelgruppe sausen und setzte ihr Studium fort. Schließlich wurde ihr klar, wie wenig der Märchenprinz zu ihr und ihrem Leben passte. Die Trennung schreckte sie nicht, „eher im Gegenteil“, sagt sie: Sie wusste ja, wie gut das geht. Dass ihr Mann sie aber betrog und ihre Freundinnen abschleppte - davor verschloss sie bis zuletzt beide Augen. Was nicht sein darf, kann nicht sein.

Trennungskinder können unterschiedliche Wege einschlagen

„Ich kenne etliche Fälle, wo die Scheidungskinder von gestern als Scheidungseltern von heute es keinen Deut anders machen, als sie es damals bei ihren Eltern erlitten haben. Das ist Psychologie.“ Der Scheidungsexperte Uwe Jopt, emeritierter Professor der Universität Bielefeld, arbeitet nach wie vor als Sachverständiger vor Gericht. Er ist überzeugt: Wie Kinder die elterliche Trennung erleben, hat nachhaltigen Einfluss darauf, wie sie als Erwachsene selbst mit Paarkonflikten umgehen. Wobei nicht die Trennung an sich entscheidend sei, sondern die Spannungen in der Zeit danach.

Trotzdem warnt Jopt vor linearen Schlussfolgerungen. Ein Trennungskind, das die Erfahrung der Eltern nicht wiederholen will, könne unterschiedliche Wege einschlagen. Von „Ich heirate nie“ über „Ich heirate erst, wenn ich mir ganz sicher bin“ bis hin zu „Wenn es nichts wird, gehe ich mit meinen Kindern ganz anders um“. Wobei selbst der schönste Vorsatz keine Garantie beinhalte, es am Ende besser zu machen. „Zwangsläufigkeiten gibt es nirgendwo im Leben“, sagt Jopt.

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