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Scheidung in China : Zehn Yuan, zehn Minuten

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Kinder gehören nicht mehr unbedingt zum Lebensplan, und die eheliche Treue ist schon lange nicht mehr selbstverständlich. Besonders die Männer sind es, die Affären haben. Wang Zhenyu, Soziologin an der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften, hat im vergangenen Jahr Scheidungsfälle in vier Großstädten Chinas untersucht. Ihr Ergebnis: 90 Prozent der Scheidungen wurden angestrebt, weil die Ehemänner Affären hatten.

Es ist nicht nur der gelegentliche Seitensprung. Chinas Männer halten sich auch gern heimliche Geliebte. „Bao er nai“ heißt das uralte Phänomen des Konkubinates auf chinesisch, „eine zweite Frau unterhalten“. Besonders unter den etwas betuchteren Geschäftsleuten, die viel unterwegs sind, ist das Phänomen verbreitet, sich etwa in einer anderen Stadt eine Zweitwohnung mit einer zweiten Frau zu mieten.

China hat Scharen junger Frauen, die mit der Hoffnung auf Geld und Reichtum in die Großstädte kommen und die Existenz als Zweitfrau als bequemen Erwerb sehen. Doch die betrogenen Ehefrauen nehmen das nicht mehr hin, sie lassen sich scheiden. Heute sieht niemand mehr eine Scheidung als Makel an, das Phänomen ist in allen Schichten zu verbreitet.

Geschiedene Frauen sind immer noch benachteiligt

Trotzdem, so ergaben die Forschungen von Wang Zhenyu, ist das Leben nach der Scheidung für Frauen immer noch schwieriger als für Männer. Geschiedene Frauen mit Kind stehen oft vor finanziellen Problemen. Zwar müssen Männer nach der Scheidung auch nach chinesischem Recht für Kinder Unterhalt zahlen, doch Chinas Rechtssystem ist unterentwickelt. Es ist einfach, sich den Zahlungen zu entziehen.

Während es für Männer jeden Alters in China ein leichtes ist, eine neue und oft auch viel jüngere Partnerin zu finden, solange die Männer nur genug Geld haben, bleiben die meisten geschiedenen Ehefrauen allein, vor allem, wenn sie das Sorgerecht für das Kind haben, das auch in China meistens der Mutter zugesprochen wird.

Die Arbeit und die Erziehung des Kindes nehmen diese Frauen so in Anspruch, daß sie kaum Gelegenheit haben, einen anderen Partner zu finden, und die Männer in den Städten bevorzugen jüngere Frauen ohne Kinder.

Neuer Trend: Partnerschaft ohne Trauschein

Anders, so fand Wang Zhenyu, ist die Lage auf dem Land. Dort haben geschiedene Frauen keinerlei Schwierigkeiten, einen neuen Mann zu finden, auch Kinder sind kein Hindernis für eine Wiederverheiratung. Ein Grund dafür ist, daß in den ländlichen Regionen Chinas Frauenmangel herrscht und jeder Bauer froh sein kann, wenn er eine Frau findet, die mit ihm das harte und arme Leben in der Landwirtschaft teilen und nicht in die Stadt abwandern will.

Zwei Drittel der Scheidungsfälle werden in China mit gegenseitigem Einverständnis für eine Gebühr von zehn Yuan (ein Euro) so schnell geschieden wie die von Frau Zhao. Doch es gibt auch Streitfälle. Detektivagenturen werben damit, daß sie Beweise für Affären beschaffen können. Rechtsanwälte spezialisieren sich auf Scheidungsstreitigkeiten.

Die vielen Nachrichten über die Zunahme von Scheidungen, Affären, Seitensprüngen haben das Bild von der romantischen Liebesheirat überschattet und veranlassen viele junge Leute dazu, ganz auf die Heirat zu verzichten. Man fürchtet Verletzungen und Verwicklungen. Ewige Liebe gebe es nicht, da könne man genausogut einfach nur zusammenleben. Es gibt schon einen neuen Ausdruck für das Phänomen „Kong Hun“ - die Angst vor der Ehe.

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