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Christoph Bach zur Organspende : „Ein Gefühl von absoluter Machtlosigkeit“

Christoph Bach in seinem neuen Film „Das Leben meiner Tochter“ Bild: Camino Filmverleih

Der Schauspieler Christoph Bach hat sich erst nach den Dreharbeiten zu seinem neuen Film dazu entschieden, einmal seine Organe spenden zu wollen. Die Gründe vermutet er auch in der Gesellschaft.

          3 Min.

          Herr Bach, besitzen Sie einen Organspendeausweis?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ja, ich habe einen. Seit den Dreharbeiten zu dem Film „Das Leben meiner Tochter“.

          Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

          Die Arbeit an dem Film hat mir sehr eindringlich vor Augen geführt, wie quälend das Warten auf ein Spenderorgan sein muss. Als ob die Zeit plötzlich stehengeblieben wäre. Ein Gefühl von absoluter Machtlosigkeit. Mit diesen Bildern im Kopf war es für mich eine klare Entscheidung, zu sagen: Ja, ich stelle meine Organe zur Verfügung im Fall der Fälle.

          Was sprach vorher so lange dagegen?

          Es sprach eigentlich nichts dagegen, ich war wohl nur nicht genügend sensibilisiert für dieses Thema. Merkwürdigerweise fiel die Entscheidung für einen Organspendeausweis aber nicht schon während meines Zivildienstes. Den habe ich Mitte der neunziger Jahre in einer Kinderchirurgie gemacht. Wurde es selbst in diesem Umfeld zu wenig beworben damals? Oder wurde es mir nahegelegt, und ich habe es aufgeschoben? Das ist durchaus möglich und würde zu den Zahlen passen, die es in Deutschland gibt: Mehr als 80 Prozent der Menschen sind einer Organspende gegenüber eigentlich positiv eingestellt. Aber nur etwa 36 Prozent haben einen Organspendeausweis.

          Maggie Valentina Salomon spielt Jana, die achtjährige Tochter von Micha Faber (Christoph Bach).

          In Ihrem neuen Film spielen Sie den Vater eines acht Jahre alten Mädchens, das auf ein Spenderherz angewiesen ist, um zu überleben. Wie geht es so einem Mann?

          Bis zum Herzstillstand seiner Tochter führt er mit seiner Familie eigentlich ein normales Leben. Er nimmt sich als selbständig und tatkräftig wahr und stand noch nie vor Problemen, von denen er dachte, er könne sie nicht lösen. Jetzt hat die Familie ein ruheloses Jahr Wartezeit hinter sich, hat Zweit- und Drittmeinungen von Ärzten eingeholt und alles probiert – aber nichts bewegt sich. Der Vater erfährt diese Situation als einen Kontrollverlust. Mit der Möglichkeit des Todes seiner Tochter kann er sich schlicht nicht abfinden.

          Warum ist dieses Warten so schlimm?

          Täglich sterben in Deutschland Menschen, weil nicht rechtzeitig ein passendes Organ für sie gefunden werden kann. Das ist eine Tatsache, die sich ein Mensch wie meine Filmfigur permanent bewusst macht. Und er weiß auch, dass man nie genau sagen kann, wie lange das Überleben mit einem Herzunterstützungssystem tatsächlich gesichert ist. Meiner Filmfigur erscheint das Abwarten wie unterlassene Hilfeleistung. Deswegen wendet er sich gegen alle Warnungen der Ärzte und den Willen seiner Frau an einen illegalen Organhändler. Dadurch gerät er jedoch in einen großen moralischen Konflikt.

          Fast 10.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan, die Spendebereitschaft ist im internationalen Vergleich jedoch sehr gering. Was glauben Sie: Woran liegt das?

          Die große Mehrheit kann sich ja eigentlich sehr gut vorstellen zu spenden. Wirklich eine Entscheidung zu treffen fällt vielen aber offensichtlich noch schwer. Das liegt sicherlich auch daran, dass uns das Thema einfach Angst macht. Die Beschäftigung mit dem eigenen Tod oder dem möglichen Tod von Angehörigen ist nicht einfach. Ich glaube, das führt oft dazu, die Entscheidung erst mal aufzuschieben. Aber die Vorstellung, dem eigenen Tod einen Sinn zu geben, indem man ein anderes Leben vielleicht retten kann, ist ja etwas sehr Schönes. Und macht mehr Mut als Angst.

          Können Sie verstehen, wenn Menschen nicht wollen, dass ihnen nach ihrem Tod Organe entnommen werden?

          Ja, natürlich. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung.

          Im Deutschen Bundestag werden derzeit zwei Modelle diskutiert, um die Zahl der Organspender zu erhöhen. Die sogenannte doppelte Widerspruchslösung sieht vor, dass jeder, der nicht ausdrücklich widerspricht, in einem Register als potentieller Spender geführt wird. Der Vorschlag zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft lässt weiterhin die Möglichkeit zu, sich nicht zur Organspende zu positionieren, trägt die Frage aber systematischer als bisher an die Menschen heran. Wie finden Sie diese Initiativen?

          Es ist toll, dass es jetzt diese Debatte gibt, weil sie diesen Notstand aufgreift. Es ist auch faszinierend, zu beobachten, wie die beiden Modelle jeweils von Mitgliedern der unterschiedlichsten Parteien befürwortet werden. Ich möchte mich aber in Verbindung mit unserem Film nicht für einen der beiden Vorschläge aussprechen. „Das Leben meiner Tochter“ ist nicht als politischer Debattenbeitrag gedacht. Unser Ziel war es, die Geschichte einer Familie zu erzählen, die aus heiterem Himmel in eine existentielle Situation gerät. Und dabei an ihre emotionalen und moralischen Grenzen stößt. Das Thema Organspende dient dafür als Folie. Wenn es aber bei dem ein oder anderen Zuschauer zu einer Beschäftigung mit dem Thema führt, umso besser!

          An diesem Samstag ist Tag der Organspende. „Das Leben meiner Tochter“ kommt am Donnerstag ins Kino.

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