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SARS-Lungenentzündung : SARS weit tödlicher als bisher angenommen - Impfstoff frühestens in zwei Jahren

  • Aktualisiert am

Chinas Vize-Gesundheitsminister nach dem SARS-Krisengipfel in Kuala Lumpur Bild: AP

Einer Studie zufolge liegt die Sterblichkeitsrate bei SARS nicht bei maximal sechs, sondern sogar bei 15 Prozent. Die Asean-Staaten einigten sich unterdessen auf drastische Sicherheitsvorkehrungen.

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          Im Kampf gegen die Ausbreitung der Lungenseuche SARS hat Chinas Regierung in beispielloser Weise das Alltagsleben von Millionen Bürgern eingeschränkt. Die Lungenkrankheit SARS ist nach einer britischen Studie möglicherweise tödlicher als bislang angenommen. Zu diesem Schluss gelangte Professor Roy Anderson vom Imperial College London, einem der weltweit führenden Institute für Infektionskrankheiten. Am Samstag trat der chinesische Gesundheitsministervon Zhang zurück, der wegen des unzureichenden Krisenmanagements in die Kritik geraten war.

          In Peking ordneten die Behörden nach dem Amtsantritt der neuen Gesundheitsministerin Wu Yi die Schließung aller Vergnügungsstätten an, wie die Staatsmedien am Sonntag berichteten. Kinos, Internetcafés, Theater und Karaoke-Bars müssten ab sofort geschlossen bleiben. Im Zuge der verstärkten Bekämpfung der Seuche wiesen die Behörden sogar auch Anträge auf Eheschließungen zurück, um Massenansteckungen bei Hochzeitsfeiern zu verhindern. Nach den Schulen wurde auch die Pekinger Volksuniversität geschlossen. Die Regierung stellte zusätzlich 384 Millionen Euro zum Kampf gegen die Epidemie bereit. Wu hatte am Samstag das Gesundheitsministerium von dem bisherigen Ressortchef Zhang Wenkang übernommen, der wegen des unzureichenden Krisenmanagements in die Kritik geraten war. In Peking wurden insgesamt schon 7.672 Menschen in Quarantäne genommen.

          Infektion gefährlicher als angenommen

          Nach Andersons Berechnungen könnten zwischen acht und 15 Prozent der infizierten Menschen sterben, während die Weltgesundheitsorganisation WHO nur von einer Sterblichkeitsrate zwischen fünf und sechs Prozent ausgeht. Anderson stützt seine Ergebnisse auf eine Analyse von rund 1.500 SARS-Fällen in Hongkong. Die Krankheit bleibe weit länger infektiös als andere Viren, hieß es in der Studie weiter. Voraussagen für eine flächenbrandartige Ausbreitung der Lungenseuche nannte Anderson jedoch übertrieben. „Es sieht so aus, als wenn sie in den entwickelten Ländern durch eine sehr gute Überwachungspraxis unter Kontrolle ist“, sagte er. Anlass zur Sorge würden jedoch bevölkerungsdichte Entwicklungsländer wie China und Indonesien geben.

          Asean-Länder einigen sich auf Sicherheitsvorkehrungen

          Nach Einschätzung der WHO können bis zum Einsatz eines Impfstoffes gegen SARS noch Jahre vergehen. Es sei zwar möglich, binnen weniger Monate einen Impfstoff zu entwickeln, sagte Marc Salter von der WHO-Abteilung für übertragbare Krankheiten am Samstag. Jedoch könnten die sich anschließenden Testverfahren zwei bis drei Jahre in Anspruch nehmen.

          Unterdessen haben sich die Länder Südostasiens auf einem SARS-Krisengipfel in Kuala Lumpur zusammen mit China und Japan auf drastische Sicherheitsvorkehrungen im internationalen Reiseverkehr geeinigt. Alle wichtigen Flughäfen, Häfen und Grenzstationen sollten überwacht werden, um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, erklärten die Gesundheitsminister des Verbandes südostasiatischer Staaten (Asean) am Samstag in der Hauptstadt Malaysias. Im Kampf gegen die Krankheit gaben Singapurs Gesundheitsbehörden kostenlos Thermometer an alle rund 500.000 Grundschüler aus.

          SARS ein „globales Desaster“

          Es müsse sichergestellt werden, dass keine infizierten Menschen die Seuche weiter verbreiten könnten, erklärten die Asean-Staaten weiter. Die Gesundheitsbehörden müssten alle Reisenden kontrollieren, bevor diese von der Krankheit betroffene Regionen verließen. Die Delegation Chinas erklärte, dass sich SARS inzwischen zu einem „globalen Desaster“ ausgeweitet habe, das nur durch „weltweite Zusammenarbeit“ bekämpft werden könne. „Wir müssen auf der Suche nach möglichen SARS-Fällen absolut erbarmungslos sein“, forderte der WHO-Gesandte Shigeru Omi. Jede im Kampf gegen SARS bekannte Waffe müsse eingesetzt werden.

          An dem Gipfel nahmen neben den Asean-Staaten Brunei, Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Birma, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam auch Vertreter Chinas, Japans, Hongkongs sowie der WHO teil. Am Dienstag wollen die Regierungschefs der Asean-Staaten in Bangkok mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao zu einem weiteren Krisengespräch zusammentreffen.

          WHO kritisiert immer noch Informationspolitik Chinas

          Konsequenzen aus der öffentlichen Kritik wurden in Peking bereits gezogen: Der chinesische Gesunheitsminister Zhang Wenkang war bereits vergangene Woche abgesetzt, nachdem sich herausgestellt hatte, dass in Peking hunderte von SARS-Fällen nicht gemeldet worden waren. Als seine Nachfolgerin wurde die Vize-Premierministerin Wu Yi ernannt. Auch Pekings Bürgermeister Meng Xuenong musste seinen Posten räumen. Dennoch kritisiert die WHO nach wie vor die schleppende Information Chinas über die Ausbreitung von SARS. Mit dem vom Gesundheitsministerium veröffentlichten Angaben könne das wahre Ausmaß der Krankheit nicht beschrieben werden, erklärte ein WHO-Sprecher.

          Toronto hat SARS angeblich unter Kontrolle

          Im Laufe des Wochenende starben in China 16 weitere Menschen an SARS, in Hongkong 18 und ein Taiwaner. Auch in Singapur gab es einen weiteren Todesfall. In dem Stadtstaat erlagen damit insgesamt 18 Menschen dem Atemwegssyndrom.

          In Toronto hoffen die Behörden, die Krankheit unter Kontrolle zu haben. Die Zahl der Todesfälle hat sich zwar auf 19 erhöht, jedoch gab es seit 19 Tagen keinen weiteren Verdachtsfall mehr. „Die Zahl der Patienten steigt nicht mehr, sie geht sogar zurück“, sagte Kanadas Premierminister Jean Chrétien. Er habe die WHO-Chefin Gro Harlem Brundtland gebeten, die Reisewarnung für Toronto noch einmal zu überdenken, die die Organisation am Mittwoch ausgegeben hatte.

          Seit SARS im November in Südchina ausbrach, sind weltweit mindestens 289 Menschen daran gestorben und 4.800 erkrankt. Außerhalb Asiens ist Kanada am stärksten von der Krankheit betroffen.

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