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SARS-Lungenentzündung : Gelassenheit in Guangdong

  • -Aktualisiert am

In Peking sind Mundschutzmasken und Stärkungsmittel restlos ausverkauft. In der Hauptstadt Guangdongs jedoch, wo alles begann, herrscht Gelassenheit. Und das, obwohl allein im März neun Menschen an SARS starben.

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          Die einen schwören aufs Händewaschen, die anderen vermeiden jeden unnötigen Ausgang aus dem Haus und größere Menschenansammlungen. Man hört sich genau um, wer in letzter Zeit aus Hongkong, Singapur oder Vietnam gekommen ist, um Abstand zu halten. In den Apotheken von Peking sind das chinesische Stärkungsmittel Banlangen und Mundschutzmasken ausverkauft. Besorgte Angestellte gehen mit Desinfektionsmitteln ins Büro. Einige der in Peking lebenden Ausländer lassen ihre Kinder nicht mehr in Schule und Kindergarten gehen. Viele haben Flugreisen abgesagt. Andere stülpen sich im Bus oder in Geschäften die Mundmaske über. Die Angst vor SARS geht um in Peking, wo offiziell nur zehn Fälle der neuen Lungenkrankheit gemeldet wurden.

          Doch in Guangzhou (Kanton), der Hauptstadt der südchinesischen Provinz Guangdong, wo die Behörden am Mittwoch bekanntgaben, daß es allein im März 361 neue Fälle und neun Todesfälle gab, geht alles seinen gewohnten Gang. In Kanton lebende Ausländer berichten, daß in der südchinesischen Stadt kaum noch jemand mit Mundschutz zu sehen ist. Während im Februar noch Panik in der Stadt herrschte, seien die Menschen jetzt nicht mehr so beunruhigt, sagt Renate Tietjen, die für ein deutsches Handelshaus in Kanton arbeitet.

          Besorgnis der Ausländer übertrieben

          Eine Nahrungsmittelmesse findet wie geplant statt. Ausländische Firmen und Vertretungen in Kanton haben ihre Mitarbeiter angewiesen, besonders vorsichtig zu sein und auf Hygiene zu achten. Angestellte mit einer Erkältung werden sofort nach Hause geschickt. Viele chinesische Mitarbeiter finden bereits die Besorgnis der Ausländer übertrieben. Die Bevölkerung jedenfalls scheint nicht mehr ängstlich zu sein.

          Ausländische Ärzte in Kanton vertraten bei einem Treffen der amerikanischen Schule die Ansicht, das SARS-Virus verbreite sich nicht über die Luft, sonst hätte man in Guangdong Tausende mehr Fälle. Die amerikanische Regierung gab trotzdem ihrem Konsulatspersonal Erlaubnis, Kanton zu verlassen. Die Sorge, daß das Virus entgegen der bisherigen Annahme sich über die Luft verbreitet, war aufgekommen, als in den letzten Tagen in Hongkong ein ganzer Wohnblock unter Quarantäne gestellt wurde, nachdem dort mehr als 200 Fälle der Krankheit aufgetreten waren.

          Wo alles begann

          In Guangdong hatte die ansteckende Lungenentzündung, die sich jetzt in viele Länder verbreitet hat, ihren Anfang genommen. Dort ist die Krankheit Mitte November vergangenen Jahres zum ersten Mal aufgetreten. Nach Angaben der chinesischen Behörden erreichte sie ihren Höhepunkt Mitte Februar. Damals gab es Panik in Kanton. Die Menschen standen Schlange, um Essig zu kaufen, der als Desinfektionsmittel gilt. In den Apotheken waren Antibiotika und andere Mittel ausverkauft. Damals behaupteten die Behörden schnell, es sei alles unter Kontrolle.

          Das hieß jedoch nie, daß es die Krankheit nicht mehr gibt. Im März hat es 361 neue SARS-Fälle in Guangdong gegeben. Im Monat März starben neun Menschen in der Provinz mit einer Bevölkerung von 86 Millionen an der Krankheit. Die Zeitung "Guangzhou Daily" verbreitete die neuen Zahlen am Mittwoch und legte Wert auf die Feststellung, daß die Rate der Neuinfektionen im Vergleich zum Februar um 47,7 Prozent zurückgegangen sei. Die Provinzbehörden berichteten außerdem, es seien 507 Menschen, die sich von der Krankheit erholt hätten, bereits aus den Krankenhäusern entlassen worden. Erstmals wurde am Mittwoch auch in Schanghai ein SARS-Fall gemeldet. Gerüchte, daß es mehr als 20 Fälle gebe, wurden bestritten. Weitere Provinzen sind seit Mittwoch offiziell betroffen: Neben Guangdong, Shanxi und Peking sind nun auch Guangxi, Hunan und Sichuan aufgelistet.

          Guangdong bleibt SARS-Zentrum

          Die beträchtliche Zahl der neuen Infektionen in Guangdong zeigt, daß neben Hongkong Südchina ein Zentrum der Krankheit bleibt. Die WHO rät jetzt von Reisen nach Südchina und Hongkong ab. Der WHO-Direktor für Infektionskrankheiten, David Heymann, sagte, bislang hätten sich mindestens neun ausländische Geschäftsleute bei einem Besuch in Hongkong mit SARS infiziert und die Krankheit anschließend in ihr Heimatland eingeschleppt; dem gelte es vorzubeugen. Es ist das erste Mal seit Jahren, daß die UN-Organisation eine solche Reisewarnung herausgibt. Die Reisewarnung gilt nicht für ebenfalls betroffene Gebiete wie Singapur, Vietnam oder Kanada. Die WHO nimmt an, daß die Gesundheitsbehörden in diesen Ländern die Epidemie unter Kontrolle haben.

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