https://www.faz.net/-gum-oj6k

Sars : Larvenroller Unschuldsvermutung

Neue Freiheit dank ultimativem Eßverbot? Bild: AP

Seit der Larvenroller als Kandidat für die Infektionsquelle von Sars gilt, steht sein Schicksal auf Messers schneide. Womöglich wird er seine Zukunft nicht mehr in Käfigen, sondern unbehelligt in freier Wildbahn verbringen.

          2 Min.

          Sein Gesicht ist eigentlich eine Warnung: Vorsicht Gefahr! Die für unsere Augen hübsche maskenartige Zeichnung mit dem hellen Nasenstreifen (einer Larve ähnlich, daher sein Name) und dem mehr oder weniger deutlich ausgeprägten Stirnband ist für seinesgleichen ein glasklares Signal: Wenn du mir nicht aus dem Weg gehst, setze ich meine Waffe ein. Die Waffe des Larvenrollers, das ist sein penetrantes, übelriechendes Sekret aus den Analdrüsen, das dem grazilen, gewandten Geschöpf zwar nicht so recht zu Gesicht stehen mag, das er aber im freien Gefecht so geschickt und gezielt wie kaum eine andere Schleichkatze einzusetzen weiß. Alles vermochte er damit abzustoßen, nur eines seiner gierigsten Mitgeschöpfe nicht: den Menschen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Und so kam, was kommen mußte: Das Tier wurde gefangen, geschröpft und gegessen, jedenfalls in den südchinesischen Provinzen, wo jedes Wildtier als potentielles Schlachtvieh gilt und die möglichen seuchenhygienischen Folgen von alters her konsequent außer acht gelassen werden. Heute könnte, da Sars der globalisierten Welt in jüngster Zeit einen argen Schrecken versetzt und der Larvenroller als Kandidat für die Infektionsquelle gilt, diese zwielichtige kulinarische Verbindung endlich ein Ende finden - eingeleitet durch die von der Pekinger Führung verordnete Ad-hoc-Schlachtung von Tausenden von Käfigtieren.

          Verwandte Allesfresser

          In Peking kann man zwar ebensowenig wie in der Wissenschaft ausschließen, daß das Sars verursachende Coronavirus vielleicht doch aus anderen Quellen stammt, weil man nämlich erst vor kurzem genomische Anteile von Geflügel entdeckt und zuweilen schon von einem "Mosaikvirus" unbekannter Herkunft gesprochen hat. Aber das ultimative Eßverbot wird dem arglosen Larvenroller womöglich wieder jene Ungebundenheit zurückgeben, die ihm in fahrlässiger Weise vom Menschen genommen wurde. Dann wird das wilde Tier wie ehedem durch die südostasiatische Natur streifen, unbehelligt, wie es ihm gebührt, vornehmlich - außer zur Paarungszeit im Frühjahr und Herbst - allein und nächtens von Baum zu Baum.

          Er wird leben können wie jene mehr oder weniger entfernten Verwandten, mit denen er eines Anglizismus wegen ("civet cat") immer wieder in einen Topf geworfen wird: Die Zibetkatzen gehören taxonomisch gesehen wie der Larvenroller, Paguma larvata, zu der stammesgeschichtlich an die fünfzig Millionen Jahre alten Familie der kurzbeinigen Schleichkatzen, der sogenannten Viverridae. Aber im Unterschied zur Unterfamilie der Viverridae, der Ginster- und Zibetkatzen, zählt man den Larvenroller zur Unterfamilie der Palmenroller (Paradoxurinae), deren markantestes äußeres Unterscheidungsmerkmal ein viel vollständigeres, nämlich vierzig Zähne umfassendes Gebiß und die kulinarische Hinwendung zu Feigen, Bananen und Mangos ist. Vegetarier aber wäre eine übertriebene Zuschreibung. Denn wie einer seiner wenigen europäischen Verwandten, die prächtig gezeichnete Ginsterkatze, verschmäht er keineswegs Insekten, Mäuse und alles, was da kreucht und fleucht. Ein Allesfresser also. In dieser Hinsicht jedenfalls ist er seinem hominiden Jäger in Südchina durchaus geistesverwandt.

          Weitere Themen

          Schwangere stirbt bei Hundeattacke

          In Nordfrankreich : Schwangere stirbt bei Hundeattacke

          Die junge Frau war mit ihrem eigenen Hund in einem Wald unterwegs gewesen, wo ihr Lebensgefährte sie mit mehreren Bisswunden fand. Dort hatte gleichzeitig eine Jagd stattgefunden.

          Tatverdächtiger im Fall Weizsäcker verhört Video-Seite öffnen

          Tatmotiv noch unklar : Tatverdächtiger im Fall Weizsäcker verhört

          Im Fall des in Berlin getöteten Arztes Fritz von Weizsäcker hat die Polizei den Tatverdächtigen verhört. Der mutmaßliche Angreifer hatte den Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker während eines Vortrags erstochen.

          Eine deutsche Familie

          Die Weizsäckers : Eine deutsche Familie

          Mit der Ermordung Fritz von Weizsäckers verliert eine der bekanntesten deutschen Familien einen weiteren Sohn. Der Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker wurde weithin geschätzt, auch über die Medizin hinaus.

          Topmeldungen

          Die Weizsäckers : Eine deutsche Familie

          Mit der Ermordung Fritz von Weizsäckers verliert eine der bekanntesten deutschen Familien einen weiteren Sohn. Der Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker wurde weithin geschätzt, auch über die Medizin hinaus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.