https://www.faz.net/-gum-6m5yr

Säure-Opfer Ameneh Bahrami : Doch nicht Auge um Auge

  • -Aktualisiert am

Blind, fast taub und schwer körperlich behindert: So lebt Ameneh Bahrami seit dem Säure-Angriff Bild: REUTERS

Er hat ihr Leben für immer zerstört und sie schwor auf Rache. Jetzt hat Ameneh Bahrami überraschend auf die Vergeltung an ihrem Verehrer verzichtet, der sie mit Säure entstellt hatte. Doch nicht für Geld, sondern aus Menschlichkeit.

          2 Min.

          Ameneh Bahrami, eine einst hübsche junge Iranerin, der ein verschmähter Verehrer mit Schwefelsäure das Augenlicht raubte und sie für ihr ganzes Leben verunstaltete, hat am Sonntag darauf verzichtet, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Die Entscheidung der ehemaligen Ingenieurstudentin aus Teheran, die im September 2004 Opfer der Rachsucht ihres Kommilitonen Majid Mowahedi geworden war, sah nach übereinstimmenden Meldungen iranischer Medien vom Sonntag überraschend von der schon angesetzten Vollstreckung ab.

          Ein Gericht hatte ihr im Jahr 2008 gemäß der Scharia das Recht zugesprochen, ihrem Peiniger zur Strafe dasselbe Schicksal zu bereiten. Die inzwischen 32 Jahre alte Frau, die überwiegend in Barcelona lebt, wo ihr spanische Ärzte mit privaten Spenden und staatlicher Sozialhilfe in fast zwei Dutzend Operationen versuchten, einen Rest der Sehfähigkeit auf einem Auge zu retten und die Narben zu glätten, beharrte bis zuletzt „aus Gründen der Abschreckung“ auf der Urteilsvollstreckung.

          Nach der Scharia seien „zwei Augen einer Frau nur ein Auge eines Mannes wert“

          Weil sie blind, fast taub und auch sonst schwer körperbehindert ist, hätte sie dem Mann - der sie nach der Tat noch verhöhnte, anstatt um Vergebung zu bitten - nicht, wie sie es ursprünglich wollte, selbst die Säuretropfen in die Augen träufeln können. Ein Arzt hätte das für sie besorgt, mit Narkose für den Delinquenten. Nach Protesten von Menschenrechtsorganisationen in aller Welt hatte offenbar auch die um ihren Ruf besorgte iranische Regierung Frau Bahrami einen Sinneswandel nahegelegt. Zuletzt wurde die Vollstreckung im Mai ohne Angabe von Gründen verschoben.

          „Auge-um-Auge“-Prinzip : Blinde Iranerin verzichtet auf Vergeltung

          Nun zitierte die Nachrichtenagentur „Isna“ das Nachgeben mit ihrer Aussage: „Ich habe aus verschiedenen Gründen verzichtet, wegen Gott, meines Landes und mir selbst.“ Davor hatte die Frau, deren Familie auch noch Todesdrohungen von Angehörigen des inhaftierten Täters erhielt, vor Gericht lange um ihr Recht kämpfen müssen. Weil nach der Scharia, wie sie auch in einem in Deutschland erschienenen Buch unter dem Titel „Auge um Auge“ bestätigte, „zwei Augen einer Frau nur ein Auge eines Mannes wert“ sind, hätte sie für Mowahedis zweites Auge 20.000 Euro zuzahlen müssen. Weil die Familie des Angreifers ihr aber genauso viel Schmerzensgeld schuldete, wurde dies von dem Gericht „angerechnet“.

          Wie der Fall nun weitergeht, ist noch nicht klar, auch nicht, ob und wann Mowahedi wieder freikommen könnte. Weil Frau Bahrami nach eigenen Angaben bis heute keinen Schadensersatz erhalten hat, hat sie nach islamischem Recht die Möglichkeit, ein „Blutgeld“ einzufordern. Früher war kolportiert worden, dass sie zum Preis von rund zwei Millionen Euro auf die Blendung verzichten würde. Nun hat die Frau, die unter anderem von ihren Buchverkäufen und Honoraren für Interviews lebt und ihr versehrtes Antlitz hinter einer dunklen Brille nur unzulänglich verbergen kann, es nach langer Bedenkzeit wohl aus Menschlichkeit getan.

          Weitere Themen

          Aus Prinzessin Mako wird Frau Mako Komuro

          Hochzeit in Japan : Aus Prinzessin Mako wird Frau Mako Komuro

          In Japan hat Prinzessin Mako ihren Studienfreund geheiratet – die Hochzeit war zuvor in Medien und in der Bevölkerung auch kritisiert worden. Bei der Braut haben die Vorwürfe Spuren hinterlassen. Wie konnte es dazu kommen?

          Auftakt im Vierfach-Mordprozess Video-Seite öffnen

          Landgericht Potsdam : Auftakt im Vierfach-Mordprozess

          Laut Anklage hat Ines R. Ende April als Pflegekraft vier ihr anvertraute Menschen heimtückisch getötet und eine weitere Bewohnerin der Pflegeeinrichtung schwer verletzt.

          Topmeldungen

          Die Richter des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts am 12. Oktober 2021 in der Karlsruher Messehalle

          Parteien und ihre Stiftungen : Was darf Politik kosten?

          Bei der Parteienfinanzierung haben Grüne, FDP und Linkspartei rechtsstaatliches Engagement bewiesen. Das wäre auch im Umgang mit Stiftungen nötig. Die Zuwendungen sind schließlich üppig und noch immer fehlt ein Gesetz.

          Erste Rede von Bärbel Bas : Respekt für die Bürger

          Der Bundestag wählt Bärbel Bas zu seiner Präsidentin. Sie wirbt für mehr Bürgernähe – und fordert, endlich eine Wahlrechtsreform anzugehen, „die den Namen verdient“. Bei der Wahl ihrer Stellvertreter fällt der AfD-Kandidat durch.

          Neue Häuser : Ein Hoch auf das Schachtelprinzip!

          Einst Gemüselager, heute Loft: Nach dem Umbau zeigt sich eine Halle in Aschaffenburg von ihrer wohnlichen Seite. Und das ganz ohne Wände.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.