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Sächsisch: Der verkannte Dialekt : Das Weiche besiegt das Harte

Erst mit dem Niedergang der sächsischen Macht nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) und dem Aufstieg Preußens, der Verehrung für dessen König Friedrich II. und das „Fritzische“ kommt die Vorliebe für die norddeutsche Aussprache auf - und das Sächsische beginnt seinen Abstieg zum Dialekt. Goethe schreibt von dem „pedantischen Regime“ der meißnischen Mundart, unter dem man „gelitten“ habe - er als Hesse sicher ganz besonders. Es kommt noch schlimmer: Das Sächsische wird systematisch schlechtgemacht. Grillparzer, ein Österreicher (wer im Glashaus sitzt, sollte man meinen), beklagt sich 1826 anlässlich eines Aufenthalts in Sachsen über Einheimische, die ihre „blökende E-Sprache ausbreiten“. Ein „ältlicher Mann von Stande quäckte und näselte so“, dass „mir bald wirklich schlimm geworden wäre“. Dann, in „Drääsden“ (sic!): „Diese Leute dehnen jede Silbe, verlängern jedes Wort“, so dass „ihre Sprache endlich ein förmliches Mäh, Mäh von Schafen wird“.

Mit Worten wehrlos

Dass aber das Sächsische gegenüber dem „preußisch-berlinischen Übergewicht“ (Becker/Bergmann) endgültig den Kürzeren gezogen hat, ist womöglich tragischerweise auch einer besonders guten Eigenschaft dieses Menschenschlages geschuldet: Der Sachse könne sich, wie Annekatrin Michler erklärt, über sich selbst „härrlich gabuddloch'n“. Becker/Bergmann lehren, dass es der im 19. Jahrhundert erfolgreiche sächsische Autor Gustav Schumann war, der den „Partikularisten Bliemchen“ schuf - einen Dresdner, den er als Modell des Spießbürgers konzipierte, der aber der nichtsächsischen Mitwelt bald als der Sachse schlechthin galt. Spätestens dann wurde es zum billigen Komödiantentrick. Sachsen zu „verhohnebiebeln“ (verhöhnen) - immer noch bieten solche Ausbrüche eine ebenso wohlfeile wie sichere Lachgarantie.

Eingedenk der großen Geschichte Sachsens und des Sächsischen muss solcherlei Sachsenfeindlichkeit in humoristischem Gewande betrüben. Und dass, obwohl sich ein Sachse kaum mit Worten wehren kann: Ein Fluch klingt auf Sächsisch schlicht nicht wie einer. „Goddsbroggen!“, stößt Annekatrin Michler nun hervor, „Dierann!“ - und man versteht, warum der Dialekt in beiden deutschen Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts verpönt war.

Laotse hat es gewusst

Ist dieser Kurs an der Universität Leipzig damit der längst überfällige Versuch, dem Sächsischen den ihm gebührenden Ehrenplatz unter den deutschen Dialekten zurückzugeben? Die jungen Westdeutschen folgen Annekatrin Michler belustigt, sehen, wie sie sich als sächsische Hausfrau verkleidet, im blauen Kittel und grünlicher Kappe, vom „Leiptscher Gemüde in seiner bedulichen Güde“ berichtet: Der Sachse erscheint als liebenswerter Freak. Sollte er gar die völlig zu Recht vakante Stelle von Gang und Gong eingenommen haben, jener beiden peinlichen Asiaten, die sich am Anfang der von einer Berliner Werbeagentur erdachten „Abenteuer“-Kampagne durch ostdeutsche Hochschulstandorte kicherten? Um die westdeutsche Jugend in den Osten zu locken, fordert das Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung eine „langfristige, nationale Integrationsarbeit“. Doch von verbindlichen Sächsisch-Kursen, von Wissenstests über Sachsen (etwa: Wie viele Kinder zeugte August der Starke?) hat man noch nichts gehört.

Dennoch bleibt, da Annekatrin Michler ihren Schnupperkurs beendet, indem sie das Auditorium im Stehen die „Lorelei“ der Mundartdichterin Lene Voigt singen lässt („Ich weeß nicht, mir isses so gomisch / Un ärchendwas macht mich verstimmt“), die Hoffnung, dass Sachsen, dass das Sächsische den Kulturkampf überleben wird. Nicht in „FernOst“, sondern in Fernost, in China, lehrte Laotse schon vor 2600 Jahren: „Das Weiche besiegt das Harte, das Schwache triumphiert über das Starke.“ Das gilt ganz besonders für die Sachsen, die näselnden Beschwörer des Unperfekten.

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