https://www.faz.net/-gum-8ohpc

Sachsen zur Weihnachtszeit : Eine Reise ins Zentrum des Hasses

  • -Aktualisiert am

Dresden im Dezember: Die Stadt ist ein bisschen goldener als sonst – das Zusammensein friedlich. Bild: Daniel Pilar

Wieder ist ein Jahr um, das nicht gut gelaufen ist für Sachsen. Häme ist aber eine schlechte Idee: Was die Leute in Dresden, Heidenau und Bautzen schon lange beschäftigt, geht alle an.

          Es gibt drei Dinge, für die Sachsen berühmt ist: Schwibbögen, derbe Witze und brennende Flüchtlingsheime. (Es gibt natürlich noch viel mehr, den Kaffeefilter zum Beispiel oder Mundwasser von Odol, aber weil die Welt immer komplizierter wird, halten wir es zur Abwechslung einmal einfach.) Darum also, um Schwibbögen, derbe Witze und brennende Flüchtlingsheime, soll es in diesem Text gehen und um die Frage: Wie geht es einem Bundesland, von dem die Republik regelmäßig annimmt, hier lebten die schlechteren Menschen? Gerade jetzt, kurz vor Weihnachten, in der zerbrechlichsten Zeit eines Jahres, in dem wieder ein paar sächsische Orte (Clausnitz und Bautzen stießen zu Dresden, Heidenau und Freital) Chiffren geworden sind für Hass und Menschenverachtung?

          Fangen wir in Bautzen an und mit einem derben Witz. Es ist später Nachmittag am vergangenen Montag, im Landratsamt kommt der Kreistag zusammen, es sollen Integrationsleitlinien beschlossen werden. Es spricht: Lars Eibisch, der Leiter des Ausländeramtes, und zwar darüber, dass man miteinander reden und einander zuhören müsse. Zur Auflockerung wirft er per Beamer eine Art Karikatur an die Wand. Sie zeigt Spitze und oberes Drittel dreier großer Sonnenschirme, zusammengeklappt und schwarz, die man auf den ersten Blick für Burkaträgerinnen halten soll. Darüber der Satz: „Eine halbe Stunde habe ich mit den Damen gesprochen, um etwas mehr über ihre Kultur zu erfahren, bis mir die Bedienung sagte, dass dies Schirme sind.“

          Ist das jetzt dieser Alltagsrassismus? Ein Beispiel dafür, dass und warum nach einer Ende November veröffentlichten Studie 58 Prozent der Sachsen Deutschland „in einem gefährlichen Maß überfremdet“ sehen? Oder ist das nur ein Zeichen für sächsischen Pragmatismus, etwa: Jetzt habt euch halt nicht so, wir kümmern uns schon um unsere Nazis und unsere Flüchtlinge, aber wir wollen jetzt mal nicht staatstragend werden dabei?

          Lähmende Gewöhnung statt übertriebener Hysterie

          Es bleibt kaum Zeit, darüber nachzudenken. Denn schon tags darauf, gegen 23 Uhr, filmt eine Überwachungskamera des ehemaligen Bautzner Spreehotels, inzwischen eine Flüchtlingsunterkunft, drei Gestalten. Sie fummeln und zündeln an Flaschen herum und werfen vier davon schließlich über den Bauzaun in Richtung Gebäude. Einer der Molotow-Cocktails brennt ab, ein weiterer erlischt schnell, zwei Flaschen bleiben unbeschadet liegen. Verletzt wird niemand, die Polizei sucht nach den Tätern.

          Was es nicht gibt: einen Aufschrei. Regionale Medien berichten in ihren Kurznachrichten, ansonsten bleibt es still, auch in der Politik. Das war anders, als in der Stadt im Februar der als Flüchtlingsheim geplante „Husarenhof“ brannte. Und das war anders, als im September allnächtlicher Stress zwischen Nazis und Asylbewerbern in einer Jagd auf die Flüchtlinge eskalierte.

          Inzwischen hat anstelle einer vielleicht übertriebenen Hysterie eine lähmende Gewöhnung eingesetzt, die man spürt, egal, mit wem man in Sachsen zum Ende dieses Jahres spricht: Alles ist ein müdes Seufzen. In Clausnitz zum Beispiel, wo im Februar ein Bus mit Flüchtlingen von einer grölenden Menge umringt wurde. Im März werden sich drei der Beteiligten dafür vor Gericht verantworten müssen. „Was wir zur Weihnachtszeit brauchen, ist auch mediale Ruhe“, schreibt Michael Funke, Bürgermeister der Gemeinde, in einer E-Mail. Durch die Berichterstattung der letzten Monate sei in Clausnitz „viel passiert“. Man solle bitte nicht vorbeikommen.

          Weitere Themen

          Lasst den Orang-Utan malen! Video-Seite öffnen

          Happy Birthday, Nenette : Lasst den Orang-Utan malen!

          Im Pariser Jardin des Plantes lebt seit Anfang der 70er Jahre ein Menschenaffe, der nun 50. Geburtstag feiert. Und nicht nur das: Orang-Utan-Dame Nenette verfügt darüber hinaus über künstlerische Fähigkeiten.

          Da strahlt der chinesische Präsident Video-Seite öffnen

          Putins Eiscreme zum Geburtstag : Da strahlt der chinesische Präsident

          Eiskaltes Geschenk für Xi Jinping: Russlands Präsident Wladimir Putin schenkte seinem chinesischen Kollegen zu dessen 66. Geburtstag eine große Kiste voll mit Speiseeis. Einen Kuchen und eine Vase gibt es auch noch dazu.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.