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Sachsen : Die Kirche darf nicht im Dorf bleiben

  • Aktualisiert am

Abfahrt: Die Emmauskirche verlässt Heuersdorf Bild: AP

Spektakulärer Umzug: Die mehr als 700 Jahre alte Emmauskirche in Heuersdorf muss dem Braunkohleabbau weichen. Für ihren drei Millionen Euro teuren Transport wurden 200 Bäume gefällt, es müssen Straßen gesperrt und Flussläufe vorübergehend verfüllt werden.

          Die spektakuläre Umsetzung der Dorfkirche aus dem sächsischen Heuersdorf ist am Donnerstag ins Rollen gekommen. Am Mittag setzte sich der Spezialtransporter, auf dem das mehr als 700 Jahre alte romanische Gotteshaus komplett verladen wurde, langsam in Bewegung. Pünktlich zum Reformationstag am kommenden Mittwoch soll die mit einem Stahlkorsett verstärkte Kirche auf dem Martin-Luther-Platz im zwölf Kilometer entfernten Borna eintreffen.

          Bei der Umsetzung nach Borna müssen zwei Bahnübergänge überquert und zwei Flussläufe durchfahren werden. Damit die 8,90 Meter breite und 19,6 Meter hohe Kirche unbeschadet auf der Straße rollen kann, mussten rund 200 Bäume am Weg gefällt werden. Bei den Durchfahrten durch die Pleiße und die Wyhra werden die Flussläufe vorübergehend verfüllt und die Kirche durch das Flussbett gefahren, da die Brücken dem Transport nicht standhalten würden.

          Bereits am Montag begann der Umzug: Zwölf Hydraulikpressen hoben das etwa 15 Meter lange Gotteshaus rund eineinhalb Meter an, damit eine Schwertransportfirma ihre computergesteuerten Spezialtrailer mit 40 Achsen unterschieben konnte. An der Sicherung des Gebäudes und dem Transport sind rund 200 Fachleute beteiligt.

          Feinabstimmung: Sogar das Ortsschild muss im letzten Augenblick weichen

          20.000 Menschen wurden umgesiedelt

          Die 660 Tonnen schwere Emmauskirche muss nach Borna umziehen, denn Heuersdorf soll bald schon von der Landkarte verschwinden. Die hochhausgroßen Greifbagger des Braunkohletagebaus Vereinigtes Schleenhain sind dem Örtchen schon bedrohlich nahe gerückt.

          In der Leipziger Tieflandbucht wird seit dem 17. Jahrhundert Braunkohle abgebaut. Mit der großtechnischen Förderung begann man in den zwanziger Jahren. Über die Jahrzehnte verwandelten Bagger die einst liebliche Auenlandschaft in Abraum. 66 Orte fielen dem Tagebau zum Opfer; 20.000 Menschen wurden umgesiedelt. Heute gibt es nur noch den Tagebau Vereinigtes Schleenhain in der Leipziger Tieflandbucht. Die gewonnene Braunkohle wird im nahe gelegenen hochmodernen Kraftwerk Lippendorf verfeuert. Um es wirtschaftlich betreiben zu können, sind nach Angaben der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Mibrag) in den kommenden Jahren viele hundert Millionen Tonnen Braunkohle nötig - auch die 52 Millionen Tonnen, die unter Heuersdorf vermutet werden.

          David scheiterte gegen Goliath

          Lange haben sich die Leute von Heuersdorf dagegen gewehrt, dass auch ihr Ort abgebaggert wird. Als sie im Jahr 2000 erfolgreich gegen das "Heuersdorf-Gesetz" der sächsischen Staatsregierung klagten, schien sich die Geschichte von David und Goliath im Leipziger Land zu wiederholen. Doch dann befand das sächsische Verfassungsgericht die Abbaggerung des Orts für rechtmäßig. Die Rettung der Kirche will die Mibrag nach Jahren des Ringens mit den Heuersdorfern (die mittlerweile fast alle auf Kosten des Unternehmens in nahe gelegene Orte umgezogen sind) als Zeichen des guten Willens verstanden wissen. Der Transport der Kirche soll voraussichtlich drei Millionen Euro kosten. Der erste Gottesdienst nach dem spektakulären Umzug ist für Ostern 2008 geplant. Die erstmals 1297 urkundlich erwähnte Emmaus-Kirche aus unbearbeiteten Feldsteinen ist eine der ältesten so genannten Wehrkirchen in Sachsen.

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