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S-Bahn : Stillstand in Berlin

  • -Aktualisiert am

Die angespannte Situation bei der Berliner S-Bahn verschaerft sich weiter Bild: ddp

Der Nahverkehr in der Hauptstadt bricht zusammen und wird zum Politikum. Wegen Wartungsarbeiten sind nur noch ein Viertel der S-Bahnen in Betrieb, acht Linien wurden eingestellt. Das große Chaos bleibt aus, viele Kunden steigen einfach aufs Fahrrad um.

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          Wenn es ernst wird, ist Berlin oft unvermutet gelassen. Auch dieses Mal blieb das vorhergesagte Chaos aus. Seit einer Woche ist nur noch ein Viertel der S-Bahnen in Betrieb, acht Linien wurden eingestellt, an 19 Bahnhöfen, darunter die für Touristen wichtigen Hackescher Markt und Bellevue, fahren alle Züge vorbei, so dass die Würstchenbuden und Blumenläden drastische Umsatzverluste melden. Weil die S-Bahn Berlin GmbH, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der DB Regio AG und damit Teil des Deutsche-Bahn-Konzerns, offenbar in großem Stil ihre Wagen nicht wartete und instandhielt, werden jetzt 930 auf einmal inspiziert. Bis zum 10. August fahren nur 330 Wagen. Auf der Internetseite der S-Bahn Berlin blinkt es unentwegt: „Entschuldigung!“ – „Entschuldigung!“

          Die große Aufregung ist einer angenehmen Realitätstüchtigkeit gewichen: Die Leute steigen um, aufs Auto oder Fahrrad. Sie benutzen Busse, die U-Bahn oder die Straßenbahnen, oder sie nehmen die – oft verspäteten und zumeist überfüllten – Regionalzüge der Bahn, die Berlin von Ost nach West und Nord nach Süd durchfahren und an Berlins vielen Bahnhöfen anhalten. Die Taxifahrer haben verblüfft das Klagen eingestellt. Die S-Bahn hat Glück gehabt.

          Nach Ferienende könnte es Ärger geben

          Jetzt sind Ferien, viele, die mit der S-Bahn zur Arbeit fahren, sind verreist, statt 1,2 Millionen Fahrgäste am Tag (in den Ferien etwa 900 000) wurden am Montag 380 000 und am Dienstag noch weniger gezählt. Die meisten Passagiere zeigen sich freundlicher und rücksichtsvoller als sonst, so dass das Leben in der ersten Woche mit dem Notfahrplan unerwartet erträglich verlief.

          Genervte Blicke bei vielen Fahrgästen

          Die S-Bahn hat aber auch Pech: Wenn, wie es inzwischen als wahrscheinlich gilt, die Wartung der Wagen bis zum 15. August nicht erledigt ist, dann wird es Ärger geben. Dann beginnt in Berlin die Leichtathletik-Weltmeisterschaft. Und dann wird der Zaubersommer 2006 das Maß aller Dinge sein, in dem Berlin sich als entspannter Gastgeber der Fußball-WM erwies. Wenn zudem nicht bald die S-Bahn zum Flughafen Schönefeld wieder fährt, wird der längere Heimweg Ferienheimkehrer und Berlin-Besucher in Rage versetzen. Das wäre eine Belastung für Schönefeld, wo der Großflughafen Berlin Brandenburg International (BBI) derzeit entsteht. Es waren die Billigflieger und die halbwegs erträgliche Schienenanbindung, die West-Berliner mit dem verhassten „Zentralflughafen“ bisher versöhnten. Die irregeleitete S-Bahn-Sparpolitik lässt Schönefeld zurzeit so „weit draußen“ erscheinen, wie es der Flughafen in Wirklichkeit überhaupt nicht ist.

          Zusammenrücken in schwierigen Situationen

          Das politische Klima ist daher von Artigkeiten geprägt. Aus dem Urlaub an der Ostsee bedankte sich Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) bei den Mitarbeitern der S-Bahn Berlin und der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die den U-Bahn-, Straßenbahn- und Busverkehr in der Hauptstadt betreiben – sowie bei den Fahrgästen. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), auch er in den Ferien, ließ ausrichten, der Montag habe gezeigt, „dass die Berliner in schwierigen Situationen zusammenrücken“.

          Und der parteilose Finanzsenator Ulrich Nußbaum besuchte am Dienstag den BVG-Betriebshof in Lichtenberg. Die aktuelle Situation im öffentlichen Nahverkehr verlange „besondere Leistungen von den Beschäftigten“, für die Nußbaum als Aufsichtratsvorsitzender der BVG dankte. Noch gönnt man Wowereit und den Senatoren ihre Ferien, doch sollte der Notfahrplan sich länger als drei Wochen hinziehen, könnte die Lage der S-Bahn rasch als Metapher für alles verstanden werden, was faul ist im Staate Berlin. Die CDU versucht es schon mal mit der Kampagne: „Wo ist Wowi?“.

          Kündigung des Verkehrsvertrags mit der S-Bahn GmbH?

          „Ich werde den ganzen Vorstand hinauswerfen“, hatte der neue Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Rüdiger Grube, Anfang Juli vor Studenten versprochen – und tatsächlich alle vier Geschäftsführer der S-Bahn Berlin entlassen, weil sie Sicherheitsüberprüfungen nicht zügig unternommen hatten, die sie gegenüber dem Eisenbahnbundesamt zugesagt hatten. Während Grube meint, wegen der Radrisse müsse die Bahn sich eigentlich an die Hersteller wenden, sprechen Linkspartei- und SPD-Politiker davon, die Lage sei Resultat des „jahrelangen Auspressens der Berliner S-Bahn“ zugunsten eines angestrebten Börsengangs des Mutterkonzerns.

          Christoph Meyer, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus, forderte „die außerordentliche und vorzeitige Kündigung“ des Verkehrsvertrags mit der S-Bahn GmbH. Nur so könne der Dauerstreit „über Sicherheit, Pünktlichkeit und Service“ ein Ende finden. Der Linkspartei-Vorsitzende Klaus Lederer verweist allerdings auf den Eigentümer der Bahn: den Bund. Der habe zugelassen, dass die S-Bahn Berlin zur „Cash Cow“ der Deutschen Bahn wurde.

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