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Russische Tierbestände : Die Revolution frisst ihre Hirsche

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Muss russische Wilderer nicht fürchten: Rothirsch „Klaus-Henry“ lebt im Wildpark Eekholt bei Großenaspe (Schleswig-Holstein). Bild: dpa

Nach dem Ende der Sowjetunion brachen schwere Zeiten an: für die Wirtschaft, für die Menschen und für die Hirsche. Sie landeten häufiger im Kochtopf. Andere Wildtiere profitierten dagegen sogar von den Zeitenwende, wie eine Studie zeigt.

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          Als 1991 die Sowjetunion zusammenbrach, hinterließ das nicht nur in Gesellschaft und Wirtschaft tiefe Spuren, sondern auch in der Natur. Während große Teile der Industrie zusammenbrachen, die Inflation in die Höhe schoss, das Pro-Kopf-Einkommen absackte und viele Menschen verarmten, verschwanden auch viele Tiere aus den russischen Wäldern – von Braunbären über Rothirsche bis zu Wildschweinen.

          Zwischen diesen Entwicklungen in Gesellschaft und Natur gebe es einen deutlichen Zusammenhang, vermutet Eugenia Bragina von der University of Wisconsin-Madison und der Moskauer Lomonossow-Universität. Gemeinsam mit amerikanischen, russischen und deutschen Kollegen hat die Biologin jetzt das Schicksal von Rehen, Rothirschen, Rentieren, Elchen, Wildschweinen, Braunbären, Luchsen und Wölfen zwischen 1981 und 2010 in Russland untersucht.

          „Dabei stützten wir uns auf die Spuren der Tiere im Schnee“, erklärt der Naturschutz-Biologe Tobias Kümmerle von der Berliner Humboldt-Universität, der zu dem Forscherteam gehört. Seit 1960 schwärmten in der Sowjetunion und später in Russland Jäger und Wildhüter im Winter aus und zählten auf mehreren Kilometer langen Strecken im Schnee die Spuren von rund 20 Säugetierarten, die ihren Weg gekreuzt hatten.

          „In der Sowjetunion gab es für erlegte Wölfe eine Prämie“

          Mit Hilfe weiterer Methoden wie zum Beispiel Tierzählungen aus der Luft errechneten die Forscher der russischen Agentur für Wildtier-Monitoring aus bis zu 50.000 solcher Untersuchungsabschnitte zuverlässig, wie viele Tiere der jeweiligen Arten in jeder Region lebten. Auch in den neunziger Jahren zählten Jäger weiter Spuren und rechneten Forscher diese Ergebnisse in Tierbestände hoch.

          Weidmannsheil: Elch, Reh und Hirsch erholen sich wieder, seitdem es der Wirtschaft in Russland besser geht.

          „Dadurch hatten wir phantastisches Datenmaterial aus der Zeit vor, während und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion“, sagt Kümmerle. In den achtziger Jahren zeigte der Trend, abgesehen von den Wölfen, für alle Arten zum Teil kräftig nach oben oder blieb auf ungefähr gleichem Niveau. Als die Sowjetunion 1991 zusammenbrach, wendete sich für diese Arten die Kurve nach unten. Nach der Jahrtausendwende beruhigte sich die Lage in Russland, und die Wirtschaft erholte sich.

          Auch bei Rehen, Rothirschen, Elchen, Wildschweinen und Braunbären zeigte der Trend jetzt wieder nach oben, abgesehen von den Elchen, waren die Bestände sogar größer als in den achtziger Jahren. Anders dagegen die Situation bei den Wölfen. Sank ihre Zahl in den Achtzigern noch merklich, begann sie mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion schnell zu steigen und hatte sich schon vor der Jahrtausendwende fast verdoppelt. Der Wolf war aus einem einfachen Grund bei den großen Säugetieren der Gewinner der Wende: „In der Sowjetunion gab es für erlegte Wölfe eine Prämie“, sagt Kümmerle. „Nach 1991 wurde sie nicht mehr gezahlt.“

          Russen jagen für Hirschragout

          Was aber war bei den anderen sieben Arten passiert? Hatten doch manche Forscher angenommen, ihre Zahl könnte nach der Wende steigen, weil rund 31 Millionen Hektar Äcker und Weiden im europäischen Teil Russlands, der Ukraine und Weißrusslands brach lagen. Auf einer Fläche, die fast die Größe Deutschlands erreichte, breitete sich dort die Natur wieder aus, vielerorts wuchs neuer Wald. Damit sollten auch die Wildtiere mehr Platz haben.

          Zunächst aber geschah das Gegenteil, bis 1995 hatte sich die Zahl der Wildschweine mehr als halbiert. In der gleichen Zeit brach die Wirtschaft massiv ein, viele Menschen hatten weniger Rubel in der Tasche. Vor allem Männer mitten im Berufsleben verzweifelten, es gab weit mehr Selbstmorde als zuvor.

          In dieser Notlage begannen viele Menschen zu wildern. Angst, ertappt zu werden, hatten wohl die wenigsten, weil gleichzeitig die staatlichen Institutionen zusammenbrachen. Wälder und Naturschutzgebiete wurden kaum noch kontrolliert, vermutlich schoss auch so mancher Jäger mehr als erlaubt. Da die meisten Russen Wildschweinbraten und Hirschragout dem Fleisch von Wölfen vorziehen, blieben diese verschont, während die anderen Arten in die Küchen wanderten.

          Als es nach der Jahrtausendwende wieder aufwärts ging, konnten sich auch die Bestände der in den Fleischtöpfen besonders beliebten Arten wieder erholen. Viele Menschen waren inzwischen aus den Dörfern in die Städte gezogen. „Ihre brach liegenden Felder unterstützten diesen positiven Trend, weil sie den Tieren mehr Lebensraum bieten“, sagt Kümmerle. Zwischen 1995 und 2010 nahm allein die Zahl der Wildschweine um 150, die der Braunbären um 70 Prozent zu.

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