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Raumfahrt : Russland gibt Geheimnisse um Weltraumbahnhof Plessezk preis

  • -Aktualisiert am

Die Schleier lüften sich. Elf Jahre nach dem Ende der Sowjetunion rückt mit dem Start der GRACE-Satellitenmission das Raketenstartgelände Plessezk ins Licht der Öffentlichkeit.

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          Russland lüftet allmählich die Schleier der Geheimnisse um seinen nördlichen Weltraumbahnhof Plessezk. Knapp 40 Jahre nach Baubeginn der Anlage und knapp elf Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion dürfen westliche Wissenschaftler und auch Journalisten erstmals das Kosmodrom betreten, das von den Sowjets in der unendlichen Weite der Taiga versteckt worden war. Ursprünglich als Startplatz für die ersten Interkontinentalraketen der UdSSR konzipiert, entwickelte sich die Basis bald - neben Baikonur in Kasachstan - zum Startplatz für die Raumfahrt.

          Vier Start-Komplexe mit jeweils mehreren Startrampen sind in der unbewohnten Gegend entlang des Flüsschens Jemza verstreut - die
          Starttürme ragen fast einsam aus dem tief verschneiten Birkenwäldchen empor. „Das ist der Vorteil Russlands. Die unendliche Weite des Landes erlaubt eine derartige räumliche Verteilung der gesamten Anlage“, sagt Oberstleutnant Andrej Matios von den Weltraumstreitkräften Russlands. Der 35-jährige Regimentskommandeur ist verantwortlich für die drei Abschussrampen, von denen leichte Kosmos-Trägerraketen gestartet werden. Eine der Rampen wurde mgebaut für die neuen Rockot-Trägerraketen - konvertierte Interkontinentalraketen vom Typ SS-19 (Nato-Code Stiletto), die jetzt kommerziell genutzt werden. Schwerter zu Pflugscharen und Russlands Kotau vor dem Kommerz, eben.

          Doch trotz der Öffnung zum Westen, trotz der internationalen Zusammenarbeit zum Starten westlicher Satelliten und trotz der damit verbundenen Dollar-Millionen für die russische Raumfahrt behält Plessezk einen großen Teil seiner Geheimnisse. Der knapp 800 Kilometer nordöstlich von Moskau gelegene Weltraumbahnhof für unbemannte Flüge bleibt weiterhin unter strenger militärischer Kontrolle, ebenso wie die dazu gehörende Stadt Mirny (deutsch Friedlich) mit ihren rund 30.000 Einwohnern. Argwöhnisch verfolgen Militärs und Geheimdienstleute jeden Schritt der ausländischen Besucher, das Fotografieren ist nur an wenigen Orten erlaubt, das Wörtchen „Nelsja“ (Verboten) ist praktisch Standard-Vokabel.

          Fotografieren? Nelsja!

          „Die Weltraumstreitkräfte sind der Garant für Russlands Macht“, liest der Besucher immer wieder von übergroßen Tafeln. Leichte Farbunterschiede lassen erkennen, dass auf diesen Tafeln früher die Macht der UdSSR gepriesen worden war. Und an der Ortseinfahrt zu Mirny sieht der ausländische Gast an großen Schildern, dass der Anlage noch zu Sowjetzeiten der Lenin-Orden sowie der Orden der Sowjetunion verliehen worden war. Die Plattenbauten verleihen dem Ort den modrigen Hauch der Sowjetzeiten. Fotografieren? „Nelsja!“

          Der einstige Stolz der Sowjetunion drohte in den vergangenen Jahren - wie so viele andere Objekte im Land - seinen Glanz zu verlieren. Doch Russlands neuer und energischer Präsident Wladimir Putin gab den Weltraumstreitkräften Russlands neue Hoffnung, räumte der Raumfahrt hohe Priorität ein. Dass jetzt westliche Satelliten von „ihren“ Anlagen ins All gestartet werden, stört die Militärs vor Ort angeblich nicht. „Das gehört jetzt eben zu unseren neuen Aufgaben“, sagt Oberstleutnant Matios mit leichtem Schmunzeln. Die anderen Aufgaben jedoch möchte er nicht verraten, und von den nagelneuen Interkontinentalraketen Topol-M, die in ihren Silos einen Ring um Plessezk bilden, hört er angeblich zum ersten Mal. Dass die Standorte im Internet abzurufen sind, will er nicht glauben.

          Raumfahrtmuseum mit Lenin-Denkmal

          Mehr Informationen über Plessezk sind im Raumfahrtmuseum im Offizierskasino von Mirny, vor dem noch ein riesiges Lenin-Denkmal steht, erhältlich. Mit Stolz führt Verwalterin Valentina die Besucher an den Exponaten in dem unterkühlten Raum vorbei - Modelle von Satelliten und Raketen, Fotografien, Ehrenbanner der Weltraumstreitkräfte, Orden ohne Ende. Eine eingerahmte Seite der „Prawda“ dokumentiert, dass die Sowjets Plessezk der eigenen Öffentlichkeit erstmals am 20. Juni 1983 vorgestellt hatten. Und das fehl am Platze wirkende, riesige Elchgeweih unter einer Luftabwehrrakete sei nicht etwa das Ergebnis eines Fehlschusses, erklärt Valentina kichernd, sondern „einfach ein Geschenk“.

          Fehlschlüsse. Wie die meisten Weltraumbahnhöfe weltweit ist auch Plessezk nicht von Unglücken verschont geblieben. 1973 und 1980 explodierten jeweils beim Betanken Trägerraketen vom Typ Kosmos und Wostok. Für die 9 und 48 Toten brennt am Ehrenmal für die Opfer der Raumfahrt im Stadtpark das Ewige Feuer. Fotografieren? „Nelsja!“

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