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Weltraumbahnhof Wostotschnyj : Gagarins Bild ziert die erste Rakete

Fast an der Grenze zu China: Russland will mit einem eigenen Weltraumbahnhof von Kasachstan unabhängig werden. Bild: action press

Russland eröffnet seinen neuen Weltraumbahnhof im Fernen Osten - aber die Ziele im All sind noch nicht ganz klar.

          5 Min.

          In Wostotschnyj, dem neuen russischen Weltraumbahnhof, finden Kosmos, Irdisches und allzu Irdisches zusammen. Am Mittwochmorgen um 4.01 Uhr deutscher Zeit soll von dem „Östlichen“ im Amur-Gebiet, rund 8000 Kilometer von Moskau nahe der Grenze zu China gelegen, die erste Rakete starten und so ein neues Kapitel in der ruhmreichen Geschichte der sowjetisch-russischen Raumfahrt beginnen. Russland sieht sich schließlich weiterhin, so Präsident Wladimir Putin, als „Weltraum-Macht“. Doch Wostotschnyj steht nicht nur für Triumphe im und um das All und deren politische Inszenierung, sondern auch für Korruption und Misswirtschaft.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Bislang nutzt Russland den Weltraumbahnhof Baikonur in der kasachischen Steppe. Von hier aus war schon Jurij Gagarin vor 55 Jahren gestartet, der erste Mensch im All; gerade ist in Russland zum „Tag des Kosmonauten“ am 12. April feierlich daran erinnert worden, wie man auch diversen Raumfahrt-Pionierhunden ein ehrendes Andenken bewahrt.

          Baikonur steht aber nicht nur für vergangene Größe: Der Weltraumbahnhof ist bis 2050 von Kasachstan gepachtet, für gut 102 Millionen Euro im Jahr. Daran soll sich vorerst nichts ändern. Igor Komarow, der Russlands Raumfahrtbehörde Roskosmos leitet, sagte nun, bis 2023 würden bemannte Flüge wohl nur von Baikonur aus starten - zuvor hatte es geheißen, von 2018 an sollten solche Flüge auch aus Wostotschnyj aufbrechen.

          Weiter sagte Komarow, Baikonur werde weiterhin für Starts von Proton-Raketen benötigt, da für diesen Typ keine Startrampe in Wostotschnyj geplant sei. Die Rakete, die am Mittwoch von dort starten soll, ist vom Typ Sojus-2.1a und hat drei Satelliten an Bord.

          „Unabhängiger Zugang zum Weltall“

          Russlands Weltraumbahnhofprojekt begann 2007, zunächst noch unter dem Siegel der Geheimhaltung. Bei den Erwägungen spielten, wie so oft in Russland, Autarkiegedanken eine entscheidende Rolle. Mit Kasachstan ist man offiziell befreundet und verbündet. Doch hatten die kasachischen Behörden mehrfach russische Raketenstarts aus verschiedenen Gründen gestoppt. Putin sagte, es gehe um einen „unabhängigen Zugang zum Weltall“ und die „völlige Unabhängigkeit der russischen Raumfahrt“.

          Freilich erinnert das Projekt in vielem an Bauvorhaben aus sowjetischer Zeit. Einerseits mit Blick auf die Ausmaße. Das Areal im Amur-Gebiet ist rund 750 Quadratkilometer groß: eine Fläche so groß wie Hamburg. Es gibt ein eigenes Verkehrsnetz von angeblich 115 Kilometern Straße und 125 Kilometern Schiene einschließlich Anbindung an die transsibirische Eisenbahn.

          Man will mit dem Weltraumbahnhof auch die Region fördern. Die ist strukturschwach und dünn besiedelt - eine Bedingung angesichts der Gefahren beim Raketenstart. Es gilt, neue Wohnungen für die Arbeiter am Weltraumbahnhof in der Stadt Uglegorsk (6328 Einwohner) zu bauen. Sie wurde im vorigen Jahr auf Initiative Putins in Ziolkowskij umbenannt, zu Ehren des russischen Raketenpioniers Konstantin Ziolkowskij (1857 bis 1935). Bis 2018 soll hier Wohnraum für 25 000 Menschen entstehen.

          Aus dem Ruder gelaufen

          Sie erwartet ein rauhes Klima. Im Winter kann es minus 50 Grad kalt, im Sommer rund 40 Grad warm werden. Was auch die Arbeit am neuen Weltraumbahnhof prägt. Es gibt einen 52 Meter hohen Versorgungsturm auf Schienen, der vor die Raketen geschoben werden kann, zum Schutz von Arbeitern und Sojus.

          Manche Kritiker unken, dass Wostotschnyj sechs Grad nördlicher als Baikonur liegt. Das sei misslich, denn je größer die Entfernung des Startpunkts vom Äquator, desto geringer die gleichsam natürliche Rotationsgeschwindigkeit, desto weniger Last könne man den Raketen aufladen. Im offiziellen Russland können derlei Erwägungen die Freude über das neue Kosmodrom aber nicht trüben.

          Anders sieht es mit den Kosten aus, die aus dem Ruder gelaufen sind. Allein die Raketenabschussvorrichtungen sollen nach Angaben von Roskosmos 120 Milliarden Rubel kosten, nach gegenwärtigem Kurs sind das 1,6 Milliarden Euro. Die Behörde schätzte, dass dazu noch einmal ein Drittel dieser Summe kommen werde. Zu Baubeginn vor fünf Jahren hatte die Behörde freilich noch mitgeteilt, insgesamt werde Wostotschnyj knapp 493 Milliarden Rubel kosten, nach gegenwärtigem Kurs gut 6,5 Milliarden Euro.

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