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Rumänien : Bröckelnde Trutzburgen

Speckkammer für Zeiten der Belagerung: Wer die Andreaskirche in Henndorf sehen will, muss die Küsterin Maria Balint nach dem Schlüssel fragen. Bild: Christian Geinitz

Viele Siebenbürger Sachsen sind ausgewandert. Ihre Kirchenburgen aber bleiben zurück. Einige Wehrkirchen erstrahlen dank Hilfe aus Brüssel nun neu.

          5 Min.

          Im siebenbürgischen Henndorf kommen die Menschen noch immer regelmäßig in die deutsche Kirche. Aber nicht zum Beten, sondern zum Wasserschöpfen. Maria Balint rückt eine Kirchenbank zur Seite und öffnet eine Holzklappe im Steinfußboden. Darunter liegt ein Brunnen. An einem Seil lässt die Küsterin einen Eimer in den Schacht hinunter und hievt ihn wieder hinauf. Das Wasser ist kalt und frisch. Jeden Morgen und Abend komme ein halbes Dutzend Dorfbewohner und fülle sich Kanister und Flaschen, sagt Balint. „Unser Trinkwasser ist besser als das aus dem Hahn, und es ist immer da.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Das Gotteshaus in Henndorf (rumänisch Brădeni) wurde im 15. Jahrhundert von den Siebenbürger Sachsen errichtet. Nach den vielen Auswanderungswellen, der letzten in den neunziger Jahren, ist heute keine einzige deutsche Familie mehr am Ort. Alle Einwohner sind Rumänen oder Ungarn wie Maria Balint – oder Roma. Auf die ist die alte Frau nicht gut zu sprechen: „Es werden immer mehr, und sie verdrecken den Hof vor der Kirche.“ Vor 50 Jahren, als Balint nach Henndorf zog, lebten hier 360 Siebenbürger Sachsen, 100 Rumänen, 50 Ungarn und kaum Roma. Sagt sie.

          Für Besucher und für die Wasserholer kramt die Kirchendienerin gern den Schlüssel hervor und öffnet die Tore. Reguläre Gottesdienste finden hier seit mehr als 20 Jahren nicht mehr statt. Das letzte Mal hätten die Deutschen 1991 Weihnachten in Henndorf gefeiert, erinnert sie sich. Zumindest aber für die „Sachsentreffen“ kehren die ausgewanderten Gemeindeglieder hin und wieder zurück. Und noch immer läutet Maria Balint die Glocken, wenn einer von ihnen fern der Heimat stirbt.

          „Das ist eine einmalige Dichte und Vielfalt“

          Es gibt keinen Glockenturm, das Geläut schwingt links und rechts im Dachstuhl, die Seile hängen außen an den Mauern herab. Im Innern ist die Kirche farbenprächtig ausgemalt, auf den umlaufenden Holzbildern mit religiösen Motiven und Bibelsprüchen heißt es streng protestantisch: „Suchet in der Schrift, ihr habt das ewige Leben darinnen!“ Die Siebenbürger Sachsen sind seit der Reformation Lutheraner. Auf dem Altar liegen ein Bildband, eine Bibel und ein Gesangbuch. Alles auf Deutsch, das hier niemand mehr lesen kann. Der Brunnen zwischen dem Gestühl erfüllte einst eine lebenswichtige Rolle. Immer wenn sich die Dorfgemeinschaft in der Kirche gegen Angreifer verschanzte, holte sie hier ihr Trinkwasser aus der Erde. Das Vieh hielt man innerhalb der Umfassungsmauern.

          Halb Gotteshaus, halb Burg: Die Andreaskirche in Henndorf konnte wehrhaft sein.

          Das trutzige Gebäude im Harbachtal etwa 90 Autominuten nordöstlich von Hermannstadt (Sibiu) ist eine Kirchenburg. So heißen die festungsartig ausgebauten und mit Beringen geschützten Gotteshäuser, von denen es nirgendwo so viele auf so engem Raum gibt wie in Siebenbürgen. Mehr als 160 von ihnen hat die Stiftung Kirchenburgen in Hermannstadt gezählt, sieben gehören zum Weltkulturerbe der Vereinten Nationen. „Das ist eine einmalige Dichte und Vielfalt“, sagt Geschäftsführer Philipp Harfmann. „Jedes Dorf hat seinen eigenen Baustil gepflegt, bis heute sind viele Anlagen weitgehend unverändert.“ Harfmanns Stiftung ist aus der Leitstelle Kirchenburgen hervorgegangen, die zum Landeskonsistorium der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien gehört. Diese Diaspora-Gemeinschaft ist Eigentümerin vieler der historischen Kirchen.

          Schirmherren der Stiftung sind die Präsidenten von Deutschland und Rumänien, Joachim Gauck und Klaus Johannis. Johannis war lange Bürgermeister von Hermannstadt und ist selbst ein Siebenbürger Sachse. Seit seiner überraschenden Wahl zum Staatspräsidenten ist in Deutschland und anderswo das Interesse an Rumänien größer geworden. Das könnte, hofft Harfmann, der Stiftung eine ihrer wichtigsten Aufgaben erleichtern: Drittmittel für den Erhalt der Kirchenburgen einzuwerben.

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